samedi 31 janvier 2015

Mali | wenn das Recht gebeugt wird

Der neue Jahresbericht 2015 von HUMAN RIGHTS WATCH bringt einiges von dem ans Licht, was in Mali im Argen liegt. Es gibt hier und da auch Lichtblicke, doch die gleichen dem Aufflackern einer Leuchtstoffröhre vor dem Blackout.
Die politische Situation im Norden Malis war im Laufe des Jahres 2014 lange Zeit stabil. Doch gegen Ende des Jahres ist es in den Regionen Kidal, Timbuktu, Gao und den nördlichen Gebieten der Region Mopti zu einigen Dutzenden gewalttätiger Übergriffe gekommen. Opfer waren malische Soldaten, Mitarbeiter internationaler Hilfsorganisationen und die Zivilbevölkerung. Dabei sind mal politisch-militärische, mal islamistische Motive der Anlass der Attacken. Manchmal überfallen Rebellen und Banditen die Dörfer, um sich mit Lebensmittel zu versorgen oder durch kurzzeitige Entführungen Gelder zu erpressen. Die Regierung in Bamako reagiert jeweils verhalten, weil sie nicht die Mittel hat, gegen den Terror vorzugehen. Auch seitens der staatlichen Sicherheitskräfte wird das Recht gebrochen. Unprofessionelle Praktiken gegenüber Gefangenen und korruptes Verhalten lassen sie in einem schlechten Licht erscheinen.

Was sind die Hauptübel in Mali?
  • Missbrauch seitens der bewaffneten Gruppen im Norden Malis
  • Interethnische Auseinandersetzungen zwischen Peulh, Arabern und Tuareg
  • Geiselnahmen seitens der radikalen Islamisten
  • Missbrauch seitens der staatlichen Sicherheitskräfte: willkürliche Verhaftungen, Massenexekutionen ohne ordentliches Gerichtsurteil, Bestechung u.a.
  • Eine Kommission für Wahrheit-Recht-Versöhnung wurde gebildet, arbeitet wegen interner Konflikte zwischen den Mitgliedern jedoch nicht ordnungsgemäß
  • Rekrutierung von Kindersoldaten seitens der Rebellen und Islamisten
  • Ausbeuterische Praktiken der Kinderarbeit in der Landwirtschaft, in Minen und im häuslichen Bereich
  • Korruption ist ein Virus, der die gesamte Gesellschaft erfasst: offiziell ausgeschriebene Stellen werden meist nicht nach Kompetenz vergeben, sondern nach der Zahlung von Bestechungsgeldern; falsche Rechnungen über Waffen- oder Getreidelieferungen werden ausgestellt. Die Differenz stecken sich die Funktionäre in die Tasche.
  • Die Freilassung von über 40 gefangenen Rebellen seitens der Regierung in Bamako erfolgte ohne Überprüfung von der deren schuldhaftem Verhalten. Die Freilassung gleicht daher einer Amnestie von potentiellen Kriminellen.
  • Das Gesundheits- und Schulsystem befindet sich weiterhin in einem schlechten Zustand.
Hier ein Lichtblick:
Fortschritte bei der Aufklärung des Verschwindens von 21 Soldaten der Roten Brigaden während des Putsches in den Jahren 2012-2013.

Die Gefahr ist groß, dass die Menschen sich von den verschiedenen Akteuren des politischen Geschehens vereinnahmen lassen. Keiner blickt so recht durch und von daher erfolgt keine einigermaßen unabhängige Meinungsbildung. Viele lassen ihrem Unmut über das Diktat der internationalen Schutzmächte inzwischen freien Lauf. Doch hat Mali eine Alternative? Der Abzug der internationalen Truppen würde in der jetzigen Situation zu einem heillosen Chaos führen, das keiner mehr beherrscht. 

Der Jahresbericht von Human RIghts Watch kann hier eingesehen werden (Mali, S. 371-376): http://www.hrw.org/sites/default/files/wr2015_web.pdf

dimanche 25 janvier 2015

Abraham – mit allen Wassern gewaschen

Abraham gilt als eine der Gallionsfiguren unseres Glaubens. Die nachfolgenden Generationen des alten und neuen Testaments sind voll seines Lobs und bewundern ihn wegen seines Lebens, das Gott ihm zur Gerechtigkeit angerechnet hat. Doch da gibt es auch ein paar Schattenseiten im Leben dieses großen Mannes. 
Kurz nachdem sie Kanaan erreicht haben, gibt es im Land der Verheißung nichts mehr zu Beißen. Eine Hungersnot bricht über das Land herein. Kurzerhand entschließt er sich, ins südlich gelegene Ägypten zu ziehen, in der Hoffnung, dort auf Gastfreundschaft und Nahrung zu stoßen. Es war sein eigener Entschluss. In Genesis 12,10ff ist nichts davon die Rede, dass er zu diesem Vorhaben den Segen und Auftrag Gottes erhalten hätte. Er geht, weil es ihm vernünftig erscheint und er ums Überleben fürchtet. Schließlich sind er und seine Leute Migranten auf fremden Boden. Und das könnte böse enden, wenn er den Einheimischen auf der Tasche liegt. Unterwegs balanciert er die Reaktion der Ägypter gedanklich aus. Was wäre wenn? Sarai, seine Frau, ist von schöner Gestalt. Vielleicht gehen sie mir an den Kragen und lassen Sarai leben, denkt Abraham. Menschliches Kalkül. Abraham beschließt, Sarai als seine Schwester vorzustellen, damit beide am Leben bleiben. 
In der Tat haben die Leute des Südens bei der Ankunft nur Augen für die schöne Frau an Abrahams Seite. Und wie die Ägypter eben so sind – schöne unverheiratete Frauen kommen in den Harem. Sarai verschlägt es so in den Hof des Pharao. Abraham und Sarai werden getrennt, doch beide bleiben am Leben. Die Rechnung scheint aufzugehen. Doch als sich dann Krankheiten und Plagen im Hause der ägyptischen Elite einstellen, kommt der Lug und Trug ans Licht. Schnell raus aus Ägypten, um Schlimmeres zu verhindern, so der Beschluss des Pharao. Mit Geleit und allem ausgestattet, was zur Rückkehr nach Kanaan nötig ist, tritt der Trupp die Rückreise an.
Irgendwie ist der Plan aufgegangen – allerdings mit ein paar Haken an der Sache. Alle bleiben am Leben. Aber - die Ägypter werden gestraft. Sarai wird für kurze Zeit die Frau des Pharao. Und Abrahams Ruf als gehorsamer Vater des Glaubens hat erheblich gelitten.

Spätestens jetzt wissen wir,
  • dass eigenmächtige Entscheidungen im Chaos enden,
  • dass auch Helden des Glaubens  Versager sind
  • dass ehemalige Haremsfrauen Mütter des von Gott auserwählten Volkes werden können, 
  • dass Gott auch auf krummen Wegen geradeaus gehen kann,
  • dass Gott treu bleibt, obwohl seine Leute untreu sind.
Wenn das so ist, dann haben wir allen Grund, die Hoffnung nicht aufzugeben. Wir wagen und versagen. Wir handeln eigenmächtig und werden dennoch von Gott gebraucht. Gott ist groß!

samedi 24 janvier 2015

Mali | Rebellen und Radikale contra Regierung

In den letzten Wochen haben die bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen rebellierenden Gruppierungen und den Regierungstruppen im Norden Malis erheblich zugenommen. Die Friedensverhandlungen sollen nächsten Monat in Algerien wieder aufgenommen werden. Es scheint, dass alle am Verhandlungstisch anwesenden Parteien noch einmal Flagge zeigen wollen. Erstmalig wurde die MINUSMA (Abk. siehe Graphik) von der MNLA nördlich von Gao attackiert und musste sich verteidigen. Bei dem Konflikt gab es einige Tote und Verletzte. Das Vorgehen der MINUSMA wird wiederum von Gruppen wie der MNLA als unerlaubte Parteinahme für die Regierungsseite gewertet. In Kidal, einer Hochburg der politischen Rebellion, gab es eine Demonstration gegen die internationalen Schutztruppen (MINUSMA). Heute ist wieder ein wenig Ruhe eingekehrt. Die Lage bleibt jedoch angespannt.
Die Graphik zeigt die am aktuellen Konflikt beteiligten Gruppen und deren Verhältnis zueinander. Das Komplizierte an der Lage ist, dass bei den Überfällen auf die Zivilbevölkerung und die Stellungen der malischen Armee oft nicht klar gesagt werden kann, wer daran beteiligt ist. Politische und radikal-islamistische Kämpfer sowie Banditen vermischen sich und zeigen sich nach außen als "Verbündete auf Zeit". Außerdem sind einige Parteien auf der Seite der politischen Rebellion untereinander zerstritten. Das führt nicht nur zu Konflikten vor Ort, sondern macht auch die Verhandlungen in Algier schwieriger.
Ein Großteil der malischen Bevölkerung lehnt zu viele Zugeständnisse an die MNLA oder MAA bei den Verhandlungen in Algier ab, da sie befürchtet, dass dadurch das Tor für radikal-islamistische Kräfte weit aufgestoßen, die Integrität des Landes verletzt und die Sicherheitslage langfristig erheblich komplizierter wird. Angesichts der Entwicklung in den letzten Wochen, ist dieses Argument nicht von der Hand zu weisen.


samedi 17 janvier 2015

Mali | erneut islamistische Terroranschläge und eine neue Strategie

Neue terroristsche Anschläge im Zentrum Malis
In Tenenkou, einer Stadt im Westen Moptis (Zentralmali, ca. 500 km von Bamako entfernt) wurden zwei Soldaten der malischen Armee getötet. Der Angriff erfolgte am frühen Freitagmorgen. Bereits letzte Woche hatte es mehrere Anschlagsversuche gegeben, die aber vereitelt werden konnten und glimpflich ausgingen. Die Terroristen gehören der radikalen MUJAO (Bewegung für Einheit und Jihad in Westafrika) an. Es ist immer das gleiche Bild. Die islamistischen Kämpfer sind militärisch gut geschult und ausgerüstet. Sie schleichen sich in der Dunkelheit der Nacht mit ihren PickUps in der Weite des Sahel an und beziehen Position in der Nähe ihrer Anschlagsziele. Die Attacken erfolgen meist in den frühen Morgenstunden. Die lauten Allah-ouh-Akbar-Rufe sind dabei nicht zu überhören. Sprengsätze gehen hoch. Schusssalven werden abgefeuert. Schwarze Fahnen werden gehisst oder wehend auf den Straßen präsentiert. Manchmal bleiben die Bärtigen für ein paar Stunden, Tage und ziehen wieder ab, bis zum nächsten Überfall. Zurück bleiben Angst und Schrecken und meist auch Opfer. 
Bei der Attacke gegen Tenenkou reagierte die malische Armee zunächst zu spät. Doch danach wurde das Feuer eröffnet. Bei dem Gemetzel starben zwei malische Soldaten. Unter den Angreifern gab es wohl sechs Tote. Mehrere wurden gefangen genommen, so die offizielle Version der Regierung. Augenblicklich herrscht Ruhe in Tenenkou. Zum Zeitpunkt der Attacke waren wir in Bougouni (Süden von Bamako). Der in Tenenkou stationierte Pastor unseres befreundeten Gemeindebundes nahm telefonisch Kontakt zu seinen Kollegen und Präses des Gemeindebundes in Bougouni auf, die dort zu einer Fortbildung zusammen gekommen waren. „Die Bewohner haben sich diszipliniert verhalten und sind in ihren Häusern geblieben“, so der Kollege. Die Rebellen sind vorerst abgezogen. Doch die Angst ist geblieben. Die Bevölkerung bittet die Regierung um militärische Verstärkung. Die Motive der Unruhestifter sind unterschiedlich. Neben islamistisch orientierten radikalen Gruppen gibt es politisch motivierte Rebellen und auch Drogen Handelnde Banditen. 

Neue Strategie der zwei Fronten
Das Vorgehen der Islamisten verrät eine neue Strategie. Im hohen Norden werden die Stellungen der MINUSMA (internationale Schutztruppe) attackiert. Bomben werden gelegt und Militär- und Transportfahrzeuge in die Luft gesprengt. Gleichzeitig lösen sich einige Kampftrupps der Islamisten und stoßen in Dörfer und kleinere Städte im Zentrum des Landes vor, um dort Chaos zu verbreiten und gegen die weniger gut ausgerüsteten Posten der malischen Armee vorzugehen. Zurück bleibt ein Gefühl der Ohnmacht und der Unsicherheit. Ein konkretes Beispiel: Am Samstagmorgen wurde unmittelbar nach dem Überfall auf Tenenkou ein Militärposten der MINUSMA in Kidal (Hauptstadt der nördlichsten Region in Mali) Opfer einer gezielten terroristischen Attacke. Es kam zum Schusswechsel, bei dem ein Soldat aus dem Tschad ums Leben kam. Auch unter den Islamisten gab es Verluste. In der Region Tenenkou kam es in den letzten Tagen zu mindestens 5 Attacken. Sicherlich sind die Anschläge auch dazu angetan, den Verhandlungsführern in Algier Druck zu machen und den Verlauf der "Friedensverhandlungen" zu beeinflussen. 
Das Signal der Terrorbanden ist klar: Leute, wir sind überall. Wir können jederzeit zuschlagen – trotz Armee und Schutztruppen. 


Die Unsicherheit bleibt
Die Regierung in Mali konstatiert lediglich den Zustand und bedauert Opfer. Doch eine eigene Strategie gegen den Terror hat sie nicht. Die malische Bevölkerung ist verunsichert. Das war den Gesichtern unserer Pastorenkollegen, mit denen wir letzte Woche in Bougouni zusammen waren, deutlich abzulesen. Das Vertrauen in die Schlagkraft der eigenen Armee ist gleich Null. Gleichzeitig wächst das Misstrauen gegenüber Frankreich, dem man eine Doppelstrategie vorwirft - Kampf gegen Terrorismus und gleichzeitig Förderung der Autonomie der Tuareg im Norden Malis. Am Wochenende ist es zu einem militärischen Konflikt zwischen untereinander zerstrittenen Rebellengruppen in Tabankort gekommen. Dieser strategische Ort liegt 200 km nördlich von Gao an der Straße nach Kidal. Die Gruppe der MAA (Arabische Bewegung des Azawad) steht loyal zur Zentralregierung in Bamako. Ihre Gegner sind die MNLA (Bewegung zur Befreiung des Azawad) und die HCUA (Hoher Rat der Einheit des Azawad). Beide Gruppen kämpfen für die Autonomie des Nordens. Neben der allgemeinen Bedrohung durch die Islamisten trägt auch die Zerstrittenheit der am Verhandlungstisch in Algerien vertretenen Gruppen zur Verunsicherung bei. Der Friedensprozess wird aufgehalten und die Gespräche werden erschwert. Christen können nicht zu den Waffen greifen. Aber sie können beten und in der Öffentlichkeit für Religionsfreiheit und Frieden eintreten.

Pressefreiheit als Provokation
In einem Statement eines Anführers der radikalen Gruppen hieß es auf einer malischen Internetplattform: „Wir protestieren mit unseren Attacken gegen den Präsidenten des Landes, der in Frankreich während der großen Kundgebung in Paris den Islam in den Schmutz gezogen und den Propheten beleidigt hat“. Der malische Präsident hätte zu Hause bleiben und sich auf die Seite des Islam stellen sollen, statt den Westen und seine Werte zu unterstützen. - Dieses Argument dient natürlich als Alibi für erneute Anschläge. 
Die letzten Attacken in Mali sind auch ein Hinweis auf den unverantwortlichen Umgang mit der Pressefreiheit. Der wohl bekannteste Imam in Mali Ousmane Chérif Haidara betonte in Bezug auf die Teilnahme des malischen Präsidenten an der Kundgebung in Paris: "Mir tut IBK (Kürzel des malischen Präsidenten) leid, er hatte keine andere Wahl!" Papst Franziskus hat in einer Verlautbarung die Pressefreiheit als hohes Gut hervorgehoben, aber gleichzeitig betont: "Die Pressefreiheit gibt uns nicht das Recht, den Glauben der anderen zu beleidigen." Nicht jede Handlung, nicht jede Veröffentlichung ist sinnvoll, auch wenn sie vom Recht gedeckt sind. Gestern fand am Platz der Unabhängigkeit in Bamako eine Demonstration gegen die Redakteure des Satiremagazins Charlie Hebdo statt, die erneut Karikaturen von Mohammed (psl) abgebildet hatten. Ähnlich kritisch war die Haltung in den westafrikanischen Nachbarländern. Im Senegal wurde der Verkauf von Charlie Hebdo verboten. Die Stimmen der Malier zu den Attentaten in Frankreich sind einerseits sehr eindeutig: Wir sind gegen Terror. Wir vertreten einen friedlichen Islam. Wir stehen ein für Pressefreiheit. Auf der anderen Seite lassen die muslimischen Führer des Landes verlautbaren: Jede Freiheit hat ihre Grenzen. Die Grenze ist da überschritten, wo sie willentlich und provokant die Religion des Anderen lächerlich macht. – So denken in Mali nicht nur Muslime, sondern auch viele Christen. Da zornige Muslime und Jihadisten nicht zwischen säkularer westlicher Politik, deren Werte und Christentum unterscheiden, werden sich ihre Attacken nicht nur gegen westliche Einrichtungen wie z.B. Kulturzentren und Botschaftsgebäude richten. Ihr Zorn wird sich auch auch im Anzünden von Kirchen und in handfesten Protesten gegen Christen äußern. Im Niger brennen bereits einige Kirchengebäude (Quelle: http://www.faz.net/aktuell/politik/karikaturenprotest-in-niger-wuetende-muslime-zuenden-kirchen-an-13376062.html). Die gewaltsamen Demonstrationen haben im Laufe des gestrigen Tages bereits 10 Todesopfer gefordert. 20 Kirchengebäude wurden angezündet. Im Niger haben die Mohammed-Karikaturen das Fass permanenter Spannungen zwischen Muslimen und Christen sowie innenpolitischer Probleme zum Überlaufen gebracht. Die Übergriffe lagen schon länger als potentielle Gefahr in der Luft. Im Niger gibt es eine starke muslimische Fraktion traditioneller Wahhabiten. 
Es ist sicher richtig: Gewalt ist nie eine adäquate Methode der Meinungsäußerung. Die, die sie anwenden diskreditieren sich selber. Dennoch ist die standardmäßige Verurteilung von Gewalt im aktuellen Kontext zu einseitig. 
Gleichzeitig muss an die Verantwortlichkeit der Medien appelliert werden, mit der Pressefreiheit sensibler umzugehen. Nicht die zynische Satire, die im Namen eines verkappten Atheismus daherkommt und das Religiöse lächerlich macht ist das entscheidende Symbol unserer westlichen freiheitlichen Kultur. Vielmehr ist Freiheit gekoppelt an Verantwortungsbewusstsein und Respekt vor dem Andersdenkenden, selbst vor dem Religiösen. Es ist die mangelnde Empathie, das Fehlen von Achtung und die einseitige Betonung der Meinungsfreiheit, die den Redakteuren von Charlie Hebdo und Konsorten vorzuwerfen ist. Dass sich die Fronten zwischen den westlichen und orientalischen Kulturen möglicherweise weiter verhärten und die radikalen Kräfte an Zuwachs gewinnen, das wäre dann auch die Folge verantwortungslosen Journalismus. 
Auf Biegen und Brechen zu provozieren und gerade jetzt erneut eine Mohammed-Karikatur zu veröffentlichen ist einfach nur idiotisch. Auf diese Weise wird der Westen den Rest der Welt nicht vom Wert der Freiheit überzeugen können. Der Protest war vorhersehbar. Die Vorgehensweise der Journalisten im Westen ist teilweise kindisch und in der aktuellen Situation allemal verantwortungslos. Sie schürt nur weiter den weltweiten Zorn der Muslime. Sie liefert den radikalen Muslimen nur weitere Argumente, die diese wie bei den letzten Anschlägen in Mali und den Protesten in Westafrika als Vorwand benutzen, um ihre Taten zu rechtfertigen. Unschuldige werden so zu Märtyrern der Dummheit anderer, die mit ihrer Freiheit verantwortungslos umgehen. 

Christiane


Bougouni | Pastorenfortbildung an alter Wirkungsstätte


Engagierte Pastoren mit ihren Ehefrauen kamen vom 11. bis 16. Januar 2015 gemeinsam mit einer Handvoll Dozenten der FATMES nach Bougouni. Das Gelände der dortigen Bibelschule IBR (Institut Biblique Reed) ist riesig und bot den ca.70 Teilnehmern genügend Schlafplätze. Geschlafen haben wir auf dünnen Schaumstoffmatratzen auf dem Boden. Gegessen haben wir ganz traditionell aus Schüsseln. Das Institut gibt es seit Ende der 1970er Jahre und wird von einem der großen evangelikalen Gemeindebünde in Mali unterhalten. Viele der Pastoren und ehemaligen Studenten des IBR kannte ich aus meiner Zeit als theolog. Lehrer in den 1990er Jahren. Es war interessant zu sehen und zu hören, was aus ihnen geworden war – meist Pastoren in verantwortlicher Stellung in ihren Gemeindeverbänden und christlichen Organisationen. Einige Pastoren aus unserem malischen Partnerbund UEPEM waren mit von der Partie.
Pastoren unseres Partnerbundes UEPEM


Das Treffen wird jährlich von einem Komitee ehemaliger Studenten des Instituts organisiert. Es ist eine Mischung von theologischer Woche und Ehemaligentreffen.


In diesem Jahr standen Fragen des gemeindlichen Management und der missionarischen Arbeit unter Muslimen auf dem Stundenplan. Zudem habe ich an drei Tagen Vorträge zum Thema Gemeindewachstum gehalten. Die Vorträge wurden in Französisch gehalten und ins Bambara übersetzt. Gutes Essen und viel Zeit zum Gespräch bis tief in die Nacht gehören obligatorisch dazu. 
Dozenten und Übersetzer in Aktion

Als Dank erhielten alle Dozenten eine Tafel mit einem Bibelvers als Geschenk.
Jeden Abend stand ab acht Uhr eine Gesprächsrunde auf der Tagesordnung. Es wurden Fragen aus dem pastoralen Alltag besprochen - Gestaltung von Traugottesdiensten, die Rolle von Pastorenfrauen im Gemeindealltag, Fragen des Zusammenlebens der Generationen in der Gemeinde, geeignete Tanzrhythmen und Musik im Gottesdienst usw. Die Meinungen gingen zuweilen weit auseinander. Voneinander lernen und einander akzeptieren gehört dazu – immer wieder ein interessanter Lernprozess.
Studenten und Dozenten der FATMES aus Bamako
Diese Woche hat auch dazu gedient, die Verbindung zwischen der Bibelschule in Bougouni und der theolog. Fachschule in Bamako (FATMES) zu vertiefen. Aus diesem Grund wurden drei Dozenten der FATMES zu den Vorträgen eingeladen. Einige unserer Studenten waren in Bougouni auch mit dabei.
Christiane war mit auf Tour, hat Vorträge besucht und die Gemeinschaft mit den Pastorenfrauen genossen, obwohl sie kaum jemanden kannte.

lundi 12 janvier 2015

Westafrika | Je suis BAGA – Das Messen mit zweierlei Maß

Wird in der westlichen Berichterstattung mit zweierlei Maß gemessen? Gibt es unterschiedliche Opfer? Die die nahe stehen und die, die weit weg sind? 

Je suis CHARLIE.
In Frankreich gehen Hundertausende auf die Straße, um mit den Hinterbliebenen der mörderischen Attacken auf ein Satiremagazin zu protestieren. Sie drücken damit sowohl menschliche Anteilnahme aus und demonstrieren gleichzeitig sehr eindrücklich, wie wertvoll ihnen Freiheit und Toleranz sind. Weltweit solidarisieren sich Millionen, mit „Je suis CHARLIE“-Plakaten, um zu sagen: Wir lassen uns von verrückten fanatischen religiösen Typen nicht den Mund verbieten. Frankreich steht unter Schock. Europa, und fast die ganze Welt zeigen ihre Solidarität. Alles verständlich, lobenswert und nachvollziehbar. Doch irgendwas fehlt hier … 

Je suis BAGA.
Parallel zu den Ereignissen in Europa haben sich im westafrikanischen Nigeria, mit Verlaub, noch viel schrecklichere Dinge zugetragen. Die Vertreter eines ähnlichen radikalen Flügels des Islamismus ziehen seit Monaten brandschatzend und mordend durch den Norden Nigerias. Die Versuche, auch in Nordkamerun Fuß zu fassen, wurden auf die letzte Sekunde unterbunden.
Letztens haben die gewaltsamen Attacken von Boko Haram in der nigerianischen Stadt Baga 2.000 Menschenleben gefordert. Niedergebrannt. Kaltblütig umgelegt. Ein Kalifat soll hier entstehen. Die Brutalität mit der die militärisch bestens trainierten und ausgerüsteten vermummten Bartträger vorgegangen sind, ist unfassbar. Einige Tage später sind bei einem Selbstmordanschlag in den Orten Maiduguri und Potiskum weitere Menschen umgekommen. Ein 10-jähriges Kind trug Sprengstoff um seine Hüften und lies ihn auf dem Markt hochgehen.
Der Ökumenische Rat der Kirchen hat hier eindeutig Stellung bezogen und eine Delegation nach Nigeria entsandt. In einem Statement vom 12. Januar wird zu Recht der Umstand beklagt, dass die Ereignisse in Nigeria nicht das Echo in der weltweiten Presse gefunden haben, das angebracht und nötig wäre. „Wir stellen uns auf die Seite der geistlichen Leiter im Land, die die internationale Gemeinschaft zu mehr Solidarität und Engagement aufgerufen haben. Wir bringen zudem unsere Enttäuschung über das relative, ja diskriminierende Schweigen der internationalen Medien zum Ausdruck. So sehr wir als ÖRK auch die internationalen Solidarität und Anteilnahme mit dem französischen Volk zum Ausdruck bringen, so sind wir im gleichen Maße traurig darüber, dass die tragischen Ereignisse in Nigeria nicht das gleiche Maß an internationaler Aufmerksamkeit und Solidarität hervorgerufen haben“. Ähnliche Äußerungen waren vom katholischen Erzbischof der Stadt Jos zu lesen. Der ÖRK ruft zudem die nigerianische Regierung auf, ihre Verantwortung zum Schutz der betroffenen Bevölkerung stärker wahrzunehmen.

Zweifelsfrei steht fest: Jeder vernünftige Mensch, jeder tolerante Angehörige einer Religion und auch die Menschen in Westeuropa würden diese Ereignisse aufs schärfste verurteilen.
Ich frage also: Wo sind die Hunderttausende in Europa und anderswo, die gegen diese Schandtaten demonstrieren und für freie Religionsausübung der Christen in islamisch geprägten Gesellschaften einstehen? Wer hält „Je suis BAGA-Plakate“ in die Höhe? Wer schreit gegen das Unrecht auf afrikanischem Boden? 
Meine Vermutung: Menschen reagieren und schreien erst dann wirklich auf, wenn es sie selber auf tragische Weise betrifft. Nigeria ist viel zu weit weg. Hier wird offenbar mit zweierlei Maß gemessen. Soweit ich das beurteilen kann, ist in der afrikanischen Presse über beide tragischen Ereignisse ausgewogen und gleichermaßen berichtet worden. 
Sorry Baga!

dimanche 11 janvier 2015

Paris | Menschlichkeit gegen fanatische Religiosität

Seit gestern kursiert in der französischen Presse die Geschichte eines jungen Helden aus Westafrika. Die Rede ist von Lassana. Ausgerechnet ein Malier aus einem mehrheitlich islamisch geprägten Land rettet im westlichen Frankreich Kunden des jüdischen Geschäfts Hyper Cacher in Vincennes, das gestern im Kontext des Anschlags auf Charlie Hebdo Schauplatz von Schießereien und Geiselnahme war, das Leben. Lassana ist ein Angestellter des Ladens und kannte sich gut im Gebäude aus. Er hat blitzschnell reagiert und einige Personen, darunter einen Vater mit einem 3-jährigen Kind, in einem Kühlraum im Keller des Hauses versteckt und sie so vor dem Zugriff des Terroristen bewahrt. Die Presse berichtet von ca. 15 Personen, die sich im Keller des Hauses versteckt hielten. Aus dem Kühlraum sollen sie mit der Polizei telefonisch in Kontakt getreten sein. Über den Übergriff der Polizei und die Befreiungsaktion sind sie auf diesem Weg informiert worden. Der Terrorist war einer der Komplizen der beiden Brüder, die den Anschlag in Paris verübt hatten. Er und vier weitere Personen, die sich im Geschäft aufhielten kamen im Zuge der Schießereien ums Leben. Lassana hat überlebt und wird heute als Held gefeiert. 
Diese fast zufällig erscheinende Geschichte, die sich mitten in der Hektik von Schießereien und Verfolgungsjagden abspielte, hat etwas Paradoxes. Sie macht nachdenklich. Ein Westafrikaner, der unter den Einfluss radikaler Islamisten geriet und sich von Al-Qaida vereinnahmen lässt, verübt im Namen seiner Religion Attentate und nimmt Geiseln. Die Rede ist von dem Islamisten Ahmedy Coulibaly. Ein anderer Westafrikaner aus Mali, ein einfacher Muslim, der den ärmlichen Umständen seines Heimatlandes entflieht und als Fremder in Frankreich arbeitet, gerät zwischen die Fronten, reagiert blitzschnell als ein couragierter Mensch und rettet wildfremden Menschen das Leben. Das, was Lassana getan hat, war ein natürlicher Ausdruck purer Menschlichkeit. 
Mit seinem mutigen Handeln schickt er jeden religiösen Fanatiker und Fundamentalisten, ob Christen oder Muslime, aber auch die aufgeklärten Atheisten mit ihren Halbwahrheiten über Glaube und Religion, die scheinbar gut informierten Journalisten und die kläglich argumentierenden Facebook-Aktivisten in die Wüste. 
Lassana handelte einfach als Mensch, nicht als distanzierter Kritiker, nicht als Ideologe, nicht als Religiöser. 
Menschlichkeit gegen fanatische Religiosität. Blitzschnelle Intuition gegen verbissene Ideologie. Individuelle Handlung gegen kollektive Vereinnahmung. Ich glaube, wenn wir anderen Menschen mit unserer religiösen Haltung begegnen wollen, dann müssen wir zuallererst  Menschen werden. Wir müssen das werden, was wir in den Augen Gottes zunächst und zu allererst sind – Menschen. Das gilt für Muslime und Christen. Jesus Christus hat uns den göttlichen Vater als Mensch nahe gebracht. Jesus hat keine trennenden Dogmen entwickelt. Jesus hat nicht das Christentum als religiöses System erfunden. Er war nicht der Schöpfer einer Ideologie, die andere verunglimpft. Jesus war kein Fanatiker. Hier liegen das Geheimnis der Inkarnation und die Voraussetzung für jede missionarische Begegnung. 
Wir als Christen können hoffen, es aber nicht erzwingen, dass Muslime die Exegese ihrer heiligen Schriften überdenken, sie die "gewaltschwangeren Texte" neu interpretieren und die friedlichen Absichten des Islam zum Vorschein bringen, wo auch immer die im Koran und in der Hadith zu finden sind. 

Was wir aber gemeinsam lernen können ist – einfach Mensch werden. Apologetische Hetze und Unterstellungen werden das Verhältnis zwischen Christen und Muslime nicht verbessern helfen. Uns einander die unterschiedlichen Lehren von Koran und Bibel um die Ohren zu hauen, wird uns nicht weiterbringen. Wir müssen lernen, einander als Menschen zu begegnen. So beginnt jeder respektvolle Dialog. Meine Erfahrungen in einem muslimisch geprägten Land sagen mir, dass nur Menschlichkeit, Freundschaft und gemeinsame Verantwortung für die Gesellschaft uns einander näher bringen. Diese Nähe ist die Grundlage für den fruchtbaren, auch kontroversen Dialog, auf dem das Zeugnis von Jesus Christus seine Wirkung entfaltet.
Bildnachweis und Hintergrundinfos: http://www.parismatch.com/Actu/Societe/Lassana-le-heros-de-Vincennes-686818

vendredi 9 janvier 2015

Mali | Entspannung an der EBOLA-Front

Die Situation hat sich erheblich verbessert. Die Gefahr einer EBOLA-Epidemie in Mali scheint vorerst gebannt.  Am 5. Dezember 2014 wurde der letzte EBOLA-Patient positiv getestet. Die Quarantänezeiten wurden bei allen betroffenen Personen strikt eingehalten. Die Bevölkerung hat die Verhaltensmaßnahmen der Gesundheitsbehörden gut umgesetzt. Selbst die USA erlauben es Reisenden aus Mali wieder ohne medizinische Kontrolle einzureisen. Die von den amerikanischen Behörden anberaumten zwei Schutzzyklen (ca. 6 Wochen) und verstärkte Kontrollen bei der Einreise endeten am 6. Januar 2015.
Selbst im Nachbarland Liberia, das mit am stärksten von der Epidemie betroffen war, sollen die Schulen Ende Februar wieder geöffnet werden. In Liberia sind insgesamt 3.500 Menschen dem EBOLA-Virus zum Opfer gefallen. Hinzu kommen 4.500 Tote in den westafrikanischen Nachbarländern. Insgesamt wurden seit August letzten Jahres offiziell insgesamt ca. 20.000 EBOLA-Patienten gezählt. 
Die Allianz-Mission hat dank zweckbestimmter Spenden mitgeholfen, in Zusammenarbeit mit dem christlichen Radiosender ESPOIR die Bevölkerung Malis im Raum Bamako und im Inneren Malis zu sensibilisieren. Der Direktor des Radios Enok S. sagte uns in einem Gespräch: „Die Leute rufen fast täglich bei uns im Studio an und bedanken sich für die Aufklärungssendungen. Es gibt ihnen Sicherheit. Wir merken: Die Leute, ob Christen oder Nichtchristen, haben Vertrauen in unsere Sendungen.“ Gerade auf dem Land wird viel um den EBOLA-Virus spekuliert. Es passiert leicht, dass falsche Informationen zur Beunruhigung beitragen. Deshalb sendet Radio ESPOIR nur Sendungen, die inhaltlich mit den Gesundheitsbehörden, dem WHO und dem Roten Kreuz abgestimmt sind. Einige Anrufer und Vertreter der Behörden haben sich ausdrücklich für das Engagement der Christen bedankt. 
Obwohl Entspannung angesagt ist, werden die Sendungen noch für einige Wochen fortgeführt. Die Gefahr, in alte Verhaltensmuster zurückzufallen ist zu groß. Wir danken allen, die uns bei dieser wichtigen Arbeit der medizinischen Aufklärung geholfen haben.

jeudi 8 janvier 2015

Mali | politische Brandherde und islamistischer Terror

Es wird geredet und wenig erreicht. In der Presse wird der malische Außenminister in Bezug auf die politische Lösung im Norden des Landes mit den Worten zitiert: „Alles ist möglich, aber noch ist nichts erreicht.“ Die Aktivitäten der radikalen islamistischen Gruppen in Mali flammen erneut auf. Am vergangenen Montag haben Jihadisten ein malisches Militärlager in Nampala an der Grenze zu Mauretanien überfallen und 11 Soldaten getötet. Neun weitere sind verletzt worden. Zwei Tage später haben die gleichen Terrorbanden das Bürgermeisteramt der Stadt Djoura, 60 km südlich von Nampala, überfallen, in Brand gesetzt und einen Zivilisten getötet. Diese Szenen spielten sich knapp 500 km nordwestlich der malischen Hauptstadt Bamako ab. Die malische Armee hat mittlerweile Verstärkung in das mauretanische Grenzgebiet entsandt. Die mauretanische Presse schreibt die Überfälle der Bewegung AQMI (Al Qaida des islamischen Maghreb) zu. Diese Leute sind inzwischen hinreichend bekannt und waren maßgeblich an der politischen Destabilisierung Malis seit Ende 2011 beteiligt.
Schon vor Weihnachten hat die deutsche Botschaft in Mali eine Warnung herausgegeben, sich nicht an öffentlichen Plätzen in Bamako zu zeigen. Es gab offensichtlich Hinweise auf mögliche Attentate. Die Drohungen haben sich Gott sei Dank nicht bewahrheitet.
Auch im Norden hat es Unruhen gegeben. In Gao fielen in der Nacht zum letzten Montag Schüsse. Glücklicherweise gab es keine Opfer. Ziel war eine Militärbasis, die am Flughafen in Gao stationiert ist. Die Patrouillen werden verstärkt und die Hubschrauber der internationalen Schutztruppe MINUSMA fliegen zunehmend Einsätze. Die MINUSMA selber war zuletzt Opfer gezielter Attacken. Einer ihrer LKW wurde in die Luft gesprengt; vier weitere Fahrzeuge sind in Flammen aufgegangen.
Des Weiteren blicken wir weiter mit Sorge auf die Machenschaften von Boko Haram in Nigeria, im nördlichen Kamerun und im Niger. Nigerianische Soldaten ergreifen die Flucht, während es den Kollegen aus Kamerun gelungen ist, die islamistischen Terroristen in eine Falle zu locken und zurückzuschlagen. Im östlichen Grenzgebiet von Niger rekrutieren die Kämpfer von Boko Haram junge Leute und bilden sie militärisch aus. Fast täglich ist von Massakern an Zivilisten und vorwiegend Christen zu lesen.

Doch der Terror ist nicht nur ein afrikanisches Problem. Der Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo in Paris macht deutlich, wie verletzlich freie Gesellschaften sind, trotz Geheimdiensten und Vorsichtsmaßnahmen. Die „Allah-u-Akbar-Schreie“ kurz vorm Sturm auf die Redaktionsbüros spiegeln eine eindeutige Gesinnung, obwohl sicher erst nachgewiesen werden müsste, ob sie von den Attentätern selber stammten. Allerdings hat der jüngere der beiden flüchtigen Attentäter ganz offensichtlich einen islamistischen Hintergrund. Er wurde als Jihadist rekrutiert, für den Kampf im Irak ausgebildet und wurde bereits zu drei Jahren Haft verurteilt. "Wir werden den Propheten rächen", soll einer der Attentäter in der Redaktion gerufen haben. Dies würde eine eindeutige Beziehung zu den Mohammed-Karikaturen des Magazins herstellen. Es wäre jedoch grundsätzlich zu hinterfragen, welche Gottheiten und Propheten es je nötig hätten, von Menschen gerächt zu werden.
Nun kann man darüber diskutieren, ob Satiriker wirklich gut beraten sind, die religiösen Gefühle von Muslimen durch Karikaturen und witzige Artikel wiederholt zu verletzen - obwohl das Recht sicherlich auf ihrer Seite ist. Charlie Hebdo ist sicher nicht einseitig antiislamisch. Auch andere Religionen und Ideologien wurden von Redakteuren und Graphikern des Satiremagazins schon aufs Korn genommen. Nicht diskutieren kann man allerdings darüber, dass terroristische Anschläge keine adäquate Antwort sind, um den offensichtlich so geschundenen Ruf des Propheten Mohammed zu retten. Ohne Zweifel - die Presse- und Meinungsfreiheit ist ein wertvolles Grundrecht. Doch es will gelernt sein, mit Freiheiten weise umzugehen. Nicht jede Wahrheit und Meinung muss unverblümt und provokant in den Raum gestellt werden. 
Wir machen in Mali die Erfahrung, dass die meisten Muslime diese mörderischen Aktionen genauso verurteilen wie wir selber. Malische Politiker und Journalisten bringen ihr Entsetzen offen zum Ausdruck. Sie trauern und denken mit uns an die Verwandten der Opfer. Es stimmt: Islam ist nicht gleich Islam. Dennoch gehören die radikalen Kräfte auch zur Welt des Islam und die Sorgen, Ängste und daraus resultierende Vorurteile sind m.E. nachvollziehbar. Heute Morgen war zu lesen, dass in einigen französischen Gemeinden islamische Einrichtungen beschossen worden sind. Gewalt erzeugt Gegengewalt. Das ist sicherlich nicht die Lösung!
Auch in der Geschichte des Christentums gab es Entwicklungen, die von Gewalt geprägt waren. Christliche Mission ist mit dem Schwert in der Hand und mit einer imperialistischen Gesinnung im Kopf vorangetrieben worden. Doch die Rückbesinnung auf die Lehre und das Leben Jesu hat es immer wieder möglich gemacht, die Fehler einzugestehen und neue Wege zu beschreiten. Die Frage ist, ob dies im Islam auch so möglich ist.
Unterdessen geben die gemäßigten islamischen Bewegungen Erklärungen ab, die davon reden, dass diese Attentate nichts mit dem Islam zu tun hätten und in kranken Köpfen entstanden seien. Der Zentralverband der Muslime in Deutschland stimmt den gleichen Ton an wie die Professoren der islamischen Universität in Ägypten. Doch, ist das überzeugend? Die erwähnten Statements in allen Ehren, dennoch kann ich mich nicht des Eindrucks erwehren, dass sich andernorts so mancher Muslim ins Fäustchen lacht und sehr zufrieden darüber ist, dem Westen eins ausgewischt zu haben. Die „aufgeklärten, toleranten Journalisten“ beschwören uns, dass man zwischen Religion und Ideologie unterscheiden müsse. Die Frage ist allerdings: Ist dieses Denken nicht viel zu westlich? Unterscheiden überzeugte Muslime in der arabischen Welt selber zwischen Religion und politischer Ideologie? 
Ich wünsche mir, dass die gemäßigte islamische Welt verstärkt den praktischen, nicht nur verbalen, Beweis antritt, sich von den radikalen Jihadisten zu distanzieren. Der Glaube an das Gerede davon, dass der Terror im Namen Allahs nicht zum wahren Islam gehöre, schwindet langsam. 

Zurück nach Mali ...
In Mali geht es um beides. Es geht um politische Ziele, die im Namen des Islam erreicht werden sollen. Und umgekehrt: Es geht um religiöse Ziele, die mit Hilfe politischer Instrumentarien erreicht werden sollen. 
Wir plädieren für politisches Gebet. Wir hören nicht auf, für Frieden und erfolgreiche Verhandlungen zu beten. Wir beten, dass die Attentate ein Ende haben und sich Mali seinen innenpolitischen sozialen Problemen widmen kann. Wir beten, dass den Muslimen die Augen aufgehen und sie in Jesus Christus „ den ganz anderen Propheten“ entdecken, der die Menschen nicht attackiert, sondern liebt.

mardi 6 janvier 2015

Sabalibougou | eine christliche Schule zum „Aufbau der malischen Nation“


Bei 23 Grad kommen die Kinder eingehüllt in Dicke Pullover in die Schule. Es ist „Winter“ in Mali. Kein Schnee, aber dafür weht ein frischer Wind, der viel Staub mit sich bringt. Die Türen und Fenster der Klasse bleiben heute geschlossen.
Ich stelle meine Turnschuhe auf den Tisch und wiederhole die Lektion der letzten Stunde. Schuhe binden war angesagt. Einige kriegen das gut hin, andere müssen noch etwas üben. Im Sozialkundeunterricht wechseln Themen zum guten Verhalten (Respekt, Dankbarkeit usw.) und praktische Tipps für den Alltag (Schuhe binden, Sauberkeit usw.) miteinander ab. Dabei gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass die Lektionen nicht nur im Klassenraum begriffen, sondern auch im Alltag zu Hause umgesetzt werden.
Heute Morgen kamen ein paar Mütter vorbei, um uns zum Jahresbeginn zu grüßen. Diese kleinen Gesten zeigen, dass die Arbeit der christlichen Schule im Dorf gewürdigt und geschätzt wird. Vor Weihnachten erhielt unser Schulkomitee einen Brief vom Bürgermeister der Verbandsgemeinde. Darin heißt es: „Wir begrüßen die Initiative zur Gründung einer Privatschule in Sabalibougou. Sie ist ein Beitrag zur Verbesserung der Bildung und zum Aufbau der malischen Nation.“ Das klingt sehr pathetisch. Dennoch freuen wir uns, dass die Arbeit auch von den Kommunalpolitikern wahrgenommen und geschätzt wird.

Der Ausbau der Schule geht weiter. Der zweite Klassenraum soll fertiggestellt werden. Es macht Spaß, mit den Kindern zu arbeiten, obwohl ich den Unterricht in der ersten Klasse schon sehr herausfordernd empfinde. 

Bamako | erleichtert, ermutigt und immer abhängig von Gott


Seit dem 2. Januar sind wir wieder zurück in Mali. Am Samstag haben wir die Wohnung auf Vordermann gebracht, die Koffer geräumt, Einkäufe getätigt, den leeren Kühlschrank gefüllt und den Staub entfernt, der sich in den letzten drei Wochen reichlich angesammelt hatte. Am Sonntag waren wir in Fonbabougou. Dort ist Alfred kurzfristig als Prediger eingesprungen. Hinter uns liegt eine spannende aber auch erholsame Zeit in Deutschland im Kreis von Freunden und unserer Familie.
Christiane war vor Weihnachten eine knappe Woche zur medizinischen Untersuchung in Leipzig. Dabei konnten glücklicherweise gravierende Indikationen ausgeschlossen werden. Wir haben die Zeit genutzt, uns mit Freunden und unseren Kindern ausgetauscht. Das hat richtig gut getan. Ob bei den aufgetauchten gesundheitlichen Phänomenen auch Faktoren wie Stress oder hormonelle Veränderungen eine Rolle spielen ist nicht auszuschließen. Das werden wir in den nächsten Wochen weiter beobachten. Schließlich waren die letzten Monate von vielen einschneidenden Veränderungen geprägt, und es war nicht immer einfach, emotional die Kurve zu kriegen.
Aber erst einmal sind wir sehr froh, wieder in Mali zu sein. Wir sind glücklich, dass es unseren Müttern und Kindern gut geht und haben die Zeit mit ihnen und unserem Enkelkind Paul sehr genossen. Es war ein nach Hause kommen. Wir haben uns in dem von unseren Kindern liebevoll hergerichteten Gästezimmer sehr wohl gefühlt. Wir haben in Gottesdiensten Bekannte und Freunde getroffen. Bei all den Begegnungen und in zahlreichen Mails, die uns vor und während unserer Zeit in Deutschland erreicht haben, haben viele liebe Menschen ihre Gebetsunterstützung zugesagt und sich nach uns erkundigt. All das hat uns deutlich gemacht, wie sehr wir von Gottes Gnade leben und wie viele Menschen hinter uns standen und sich mit uns Sorgen gemacht haben. Alle Wünsche und Grüße haben uns sehr ermutigt.
Es ist zwar manchmal verunsichernd und angstvoll, aber dennoch immer wieder notwendig, Phasen zu durchleben, wo Gott uns deutlich macht: Ohne mich könnt ihr nichts ausrichten. Vieles scheint machbar, auch im Dienst für Gott. Vieles scheinen wir leicht „unter die Füße zu kriegen“ und meistern zu können. Wir legen unseren Verstand und all unsere strategische Finesse in die Waagschale, um erfolgreich zu sein. Wir planen und treffen Entscheidungen und setzen sie konsequent um. Dabei werden Körper und Geist erheblichem Stress ausgesetzt, den wir manchmal unterschätzen. Vielleicht vergessen wir manchmal auch zu leicht, dass es den satanischen Kräften wenig daran liegt, dass wir Gottes Willen erkennen, Gott gehorsam sind und ihn umsetzen. Wir müssen lernen, Schwachheit zuzulassen, damit wir geduldig werden und Gott in seiner Stärke und auf seine Weise in den Vordergrund rücken kann.
Auch das gehört zu unserem missionarischen Dienst – Arbeiten starten und für finanzielle Unterstützung beten, sich über Fortschritte in den verschiedenen Arbeitsbereichen zu freuen, aber auch Ängste teilen, aneinander Anteil geben und einander anvertrauen.
Auch unsere malischen Kollegen haben wir teilweise eingeweiht, und sie haben kräftig für uns gebetet. Ein malisches Pastorenehepaar war vor der Reise nach Deutschland bei uns, hat uns Mut gemacht, uns gesegnet und für uns gebetet. Allen sagen wir ein herzliches Dankeschön. Unserem großen Gott sind wir dankbar für sein Begleiten.
Jetzt starten wir langsam wieder durch. Heute geht der Unterricht an der FATMES und an der Schule in Sabalibougou wieder los. Bitte betet weiter für uns.
Herzlichen Dank auch für die finanzielle Unterstützung im vergangenen Jahr. Gott segne euch dafür und bewahre euch alle im neuen Jahr 2015.

jeudi 1 janvier 2015

Jahreslosung 2015 | Es geht um unsere Glaubwürdigkeit

Riesenkrach in Rom. Es ging um unterschiedliche Vorstellungen, wie Glaube gelebt werden soll, was ein Christ zu tun und zu lassen hat. Paulus kennt die römische Gemeinde nicht persönlich. Er wagt es dennoch, entgegen aller pastoralen Gepflogenheiten, auf Distanz eine klare Aussage zu machen. Der christliche Glaube besteht nicht in erster Linie aus Stilfragen, aus Traditionen und dem ewigen Gerangel um Auslegungsfragen von Bibelstellen. Paulus weiß: Wenn die wenigen Christen in Rom sich nicht vertragen, dann ist das Lob Gottes und die Glaubwürdigkeit der Gemeinde in der Stadt in Gefahr. Deshalb gilt es, einander in der Verschiedenheit und unterschiedlichen Prägung anzunehmen, so wie Christus das auch mit uns Menschen getan hat.
Es gibt natürliche und kulturelle Vielfalt und Unterschiede, auch zwischen Christen. Hier müssen wir lernen einander in der Vielfalt anzunehmen. Doch bei den meisten Schwierigkeiten innerhalb der Gemeinde Jesu handelt es sich um von Menschen gemachte Probleme, die durch Grabenkämpfe und unflexibles Denken entstanden sind. Hier scheitern Christen. Diese Kämpfe kann kein Christ auf Dauer ertragen, ohne dass sein Glaube Risse bekommt. Manche Äußerungen in den sozialen Netzwerken, die von kämpferischen Christen geäußert werden, tragen dazu bei, das Klima zu vergiften, an dem andere schließlich kaputt gehen.
Es geht letztlich um gelebte Einheit von Christen zum wahrnehmbaren Lob Gottes in der Welt. Von daher hat die Jahreslosung nicht nur einen sozial-romantischen Aspekt, wo es um das kuschelige möglichst problemfreie Miteinander innerhalb der Gemeinde geht. Römer 15,7 hat auch eine missionarische Dimension, die mit dem Verhalten der Christen miteinander sehr viel zu tun hat. Schon im Alten Testament ist es das erklärte Ziel, dass die Nationen wegen des Handelns Gottes am Volk Israel zum Lob Gottes gelangen (z.B. Ps 117,1). Das Lob Gottes in der Gemeinde ist allerdings nur glaubwürdig, wenn es von Einheit in der Gemeinde und von Glaubwürdigkeit nach außen flankiert wird.
Die klare Aussage des Paulus gilt nicht nur für Gemeinden und Christen, die wie damals in Rom, zerstritten waren und den Aufruf zur Einheit dringend nötig hatten. Die konfessionelle Zerstrittenheit, die sich im Laufe der Kirchengeschichte herausgebildet und etabliert hat, ist nicht nur Ausdruck von bunter Vielfalt. Die Vielfalt ist gleichzeitig die Folge theologischer und persönlicher Unversöhnlichkeiten und sie schürt das Konkurrenzdenken. Am Rande eines Trainingsspiels des malischen Fußballmeisters in Bamako komme ich mit einem Fan ins Gespräch. Schnell ist klar, dass ich Christ und er Muslim ist. Die erste Frage, die mein Banknachbar mir stellt ist: „Kannst du mir den Unterschied zwischen Katholiken, Protestanten und Orthodoxen erklären?“ Er konnte das einfach nicht verstehen, warum der Glaube an den einen Christus offensichtlich Trennung und Konkurrenzdenken bewirkt. Natürlich ist das im Islam nicht anders. Doch darum geht es nicht. Es geht darum, dass das missionarische Zeugnis von Jesus Christus durch die interne Kleinkariertheit der Christen und das Konkurrenzdenken behindert wird. Nichtchristen merken das und Missionaren erschwert es das Gespräch.
Der Konkurrenzkampf der Gemeinden untereinander, das Pochen auf subjektive Wahrheiten – all das trägt weder zur gegenseitigen Annahme, noch zum effektiven missionarischen Zeugnis und erst gar nicht zum Lob Gottes in der Welt bei.
In der Frage des muslimischen Fußballfans klang auch eine gewisse Hoffnung mit: Wenn wir Muslime es mit der Einheit nicht hinkriegen, dann solltet ihr es als Christen doch wenigstens schaffen.
Christus hat jeden Menschen bedingungslos angenommen und geliebt, Arme und Reiche, Männer und Frauen, Kinder, Römer und Juden, die Elite und die Ausgestoßenen. Das liebevolle Zugehen auf Menschen und deren Annahme ist Ausdruck christusgemäßen Lebensstils und nur so Ausdruck des Lobes Gottes. Es ist eine biblische Anweisung (Imperativ). Damit wir das auch leben können, hat Christus seine ganze Existenz investiert. Das ist eine grundlegende Tatsache (Indikativ). Sie stiftet Einheit zwischen Gott und Menschen.
Einander annehmen konkret …
  • In unseren Gemeinden und Teams achten wir aufeinander. Wir respektieren unsere Stärken und Schwächen. Wir vergeben, wie Christus uns vergeben hat. Wir bringen Dinge in Ordnung, die wir verbockt haben.
  • In Mali helfen Evangelisten aus einer Baptistengemeinde Lutheranern eine Gemeinde zu gründen.
  • Christen reden mit Muslimen über Gott und Jesus Christus, obwohl radikale Jihadisten Christen andernorts töten.
  • Christliche Gemeinden kümmern sich um Flüchtlinge, gleich welcher Nationalität und Religion sie angehören.
  • Wir praktizieren eine Willkommenskultur in unseren Familien und in unserer Gesellschaft und lassen uns nicht von Menschen ins Bockshorn jagen, die die Fremdheit anderer Menschen als Feindbild hochstilisieren.
  • Als Missionare leben wir von der gegenseitigen Annahme. Wir kommunizieren nicht nur die Botschaft von Jesus Christus, der Menschen liebt und annimmt. Wir leben auch entscheidend davon, dass wir von Menschen einer fremden Kultur angenommen und in ihre Lebensbezüge aufgenommen werden.