Donnerstag, 27. November 2014

Kati | Schlaglichter aus dem Knast

Beitrag von Dr. Karsten Pascher


Mit Pastor Enoc in einem der 5 Gefängnisse im Raum Bamako: Fast 280 Personen sind hier untergebracht. Konzipiert ist es für 80 Menschen. Ein großer Gitterkasten mit ein bisschen Wellblech drüber. Dahinter dunkle
Räume mit kaum Licht und wenig Belüftung. Das sei schon die Luxusvariante, sagt uns eine holländische Missionarin, die mit Enoc und ein paar anderen Pastoren zusammen arbeitet. Früher gab es den "Auslauf" noch nicht. Da saßen alle in den dunklen Zellen. Einmal, wenn man viel Glück hat auch zweimal am Tag gibt es ein bisschen Brei zu essen. Gemüse? Fleisch? Vergiss es! Trotzdem ist die Stimmung fröhlich. Die Männer freuen sich über unser Kommen. Auch die Beamten begrüßen uns herzlich. Die Christen sind zuverlässig. Sie kommen 1-2x in der Woche und sie bringen Essen und auch ein paar Medikamente mit. Verantwortlich für die Arbeit ist die evangelische Allianz. Das Budget ist klein, aber immerhin wird nicht nur geredet, sondern auch etwas getan. Zu Weihnachten gibt es dann auch mal ein Stück Seife. Alles Mangelware, vor allem wenn du keine Familie in der Nähe hast. Pastor G. ist für dieses Gefängnis verantwortlich. Er hat selbst lange gesessen. Er war Straßenräuber und hat dann im Knast Jesus kennen gelernt. Die Frau, die er umgebracht hat, hatte noch im Sterben immer wieder nach Gott gerufen. Das hat ihn nicht losgelassen. Als er frei kam wurde er Pastor und jetzt erzählt er im Knast von Jesu Liebe. Nun sitzen hier ca. 100 Männer mit uns in diesem käfigähnlichen Gitterkasten. Ein paar Lieder werden gesungen mit Gitarre. Wenn die Gitarre nicht mit dabei ist, beschweren sie sich. Dann werden wir kurz vorgestellt und wir richten ein paar Worte in der Sprache der Peulh an die Gefangenen. Die, deren Muttersprache das ist, haben ihren Spaß und antworten fröhlich. Die anderen fragen uns, wo denn unsere Kühe sind. Ein Peulh ohne Kühe - das gibt es doch gar nicht. Dann predigt Pastor G.. Auch in Deutschland kennen wir Gefängnisgottesdienste, aber hier ist das anders. Während in Deutschland die Frauen das Interessanteste waren, hören diese Menschen aufmerksam zu (Wir haben auch nur 2 Frauen dabei ;-) ). Im Hintergrund "duschen" sich andere hinter hüfthohen Mauern: Bei 280 Leuten kann nicht jeder mit der Körperpflege bis zum Abend warten. Dann gibt es das Essen, das wir mitgebracht haben: Die 45 dünnsten wurden auf eine Liste geschrieben.  Einzeln aufgerufen stellt jeder eine kleine Schüssel hin. Reis, etwas Fleisch und Süßkartoffeln werden ausgeteilt. Einer nach dem anderen holt dann seine Schüssel wieder ab. Erstaunlich diszipliniert geht das zu. Wer nicht zu den auserwählten 45 gehört, der bekommt trockenes Weißbrot. Die Bäckereien geben das ab, wenn es 2-3 Tage alt ist. Ein Sack voll mit knochentrockenen Weißbroten für 1 Euro 50. Wie gesagt, das Budget ist knapp. Aber wenigstens die 45 sind heute satt geworden. Enoc, Pastor G. und die holländische Nyagali - diese Menschen liegen ihnen am Herzen. Da braucht man nur hinzuschauen. Und die Männer im Knast spüren das.

Mittwoch, 26. November 2014

Bamako | Nur leere Tonnen machen Lärm

… besagt ein afrikanisches Sprichwort. Den Vorwurf, nur leere Worte zu verbreiten, ohne wirklichen Inhalt und konkrete Taten, den müssen sich die politischen und religiösen Leiter in Mali zurzeit gefallen lassen. Die einen weil sie nicht tun, was sie versprochen haben und die anderen, weil sie schweigen und sich zu wenig einmischen.
Der Journalist Boubacar S. bringt es auf den Punkt: "Die religiösen Leiter glauben an einen Gott, ans letzte Gericht und sie vollbringen gute Werke der Barmherzigkeit. Aber dabei darf es nicht bleiben." Hier unten mitten in der Gesellschaft haben fromme Leiter einen Job zu erledigen.  
Nach dem Sturz des in den Senegal geflüchteten Präsidenten und der Zeit der Übergangsregierung haben die meisten der religiösen Führer des Landes, sowohl Christen als auch Muslime, den 2013 gewählten Präsidenten unterstützt, in der Hoffnung, dass er den malischen Karren, festgefahren im Dreck von Rebellion, Wirtschaftskrise und Putsch, wieder herausziehen kann. Nach dessen Wahl sind sie auf den Präsidentenhügel marschiert und haben dem neuen Staatsoberhaupt hoch und heilig versprochen, ihm mit Rat und Gebeten zur Seite zu stehen. Sie haben munter der Aufforderung zugestimmt, den Mächtigen auch das zu sagen, was den Wegen Gottes nicht entspricht. Genau das ist nach malischer Auffassung die Aufgabe religiöser Führer. Sie sind nicht nur dazu da, den Mächtigen den Segen Gottes zuzurufen und ihnen Honig um den Mund zu schmieren. "Amtswürde hat nichts mit belanglosem Stolz zu tun und Ehre nichts mit Hochmut", so der Journalist Boubacar S. Doch genau dahin ist die malische Politik abgestürzt, in visionslose Belanglosigkeit und ehrlosen Hochmut.
Geistliche Leiter sollen mutig die Wahrheit sagen, wenn alle anderen wegen moralischer Befangenheit ihre Glaubwürdigkeit verloren haben, weil sie in Vetternwirtschaft, Korruption, krumme Geschäfte und gleichwertige Skandale verstrickt sind. Wenn die Mächtigen auf Kosten ihres eigenen Volkes Politik betreiben und sich bereichern, dann müssen die geistlichen Leiter des Landes zu Propheten werden und Kritisches sagen – wenn nicht jetzt, wann dann?
In der Tat hören wir von vielen Skandalen, falschen Rechnungen und Bestechungsgeldern. In Algier wird über das Schicksal Malis verhandelt und die Bevölkerung fühlt sich schlecht informiert und abgehängt. Die Kritik in der malischen Bevölkerung nimmt zu. Doch was ändert sich?
„Die Malier sind geduldige Leute“, sagte uns letztes Wochenende ein Uniprofessor. „Die lassen die Verantwortlichen machen, bis sie mit ihrem Gehabe an die Wand gefahren sind. Vorher wird nur geredet, abgewartet, aber nicht entscheidend gehandelt“.
In kritischen Zeiten klare Worte sagen und mit gutem Beispiel voran gehen, das ist die Aufgabe geistlicher Leiter. Nur so wird sich die Mentalität eines Volkes verändern.
In Mali gibt es zu wenige Leute, die es wagen, die Wahrheit zu sagen. Selbst wenn Leute um die Missstände wissen, wird lieber ein Tee getrunken und gescherzt als Tacheles geredet. Das beobachten wir auch in christlichen Kreisen.
Doch die Öffentlichkeit erwartet, dass die Stimme der Pastoren hörbar wird, dass ethische Positionen formuliert werden, dass Glaube relevant und die Gesellschaft transformiert wird.
Boubacar S. schließt seinen kritischen Artikel mit den Worten: „Wenn ihr wirklich mit Gott im Bunde steht, dem Gott Mohammeds und dem Gott Jesu Christi, dann erwarten wir von euch, dass ihr auf die gesellschaftlichen und politischen Skandale reagiert. Gott erwartet von euch, dass ihr euch mit Schweiß auf der Stirn engagiert. Stattdessen herrscht Funkstille.“
Gesellschaftstransformation als missionarischer Auftrag der Kirche mag in christlichen Kreisen des Westens hier und da noch umstritten sein. Hier in Mali wird sie sogar von Journalisten eingefordert. Dazu muss die Gemeinde Jesu aber noch ein wenig wacher werden. Die Reden müssen lauter, mutiger und prophetischer, sie müssen gesellschaftskritischer werden. Und die Taten müssen viel stärker von Hoffnung und überzeugender Ethik geprägt sein - gerade in einem Land wie Mali, das zu den ärmsten der Erde zählt.

Sonntag, 16. November 2014

Titibougou | ordentlich Staub aufgewirbelt

Das war unser erstes sportmissionarisches Event. Vor einigen Wochen haben wir mit einem Mitarbeiter aus einer unserer UEPEM-Gemeinden eine sportmissionarische Aktionsplattform gegründet. Sie heißt BOGO WULI – sport | transformer la vie (dt. Staub aufwirbeln – durch Sport das Leben verändern). In Titibougou, einem Dorf am westlichen Ende Bamakos haben wir mit mehreren Mannschaften aus christlichen Gemeinden ein Volleyballturnier veranstaltet. Auf einem kleinen Platz mitten im Dorf haben wir unser mobiles Netz installiert. Jeder hat angepackt. Als die Teams ankamen haben wir kurz die Regeln und den Verlauf des Nachmittags erklärt. 
Im Beisein von ca. 100 Zuschauern aus dem Dorf fanden die Gruppen- und Finalspiele statt. Ali Bogolan, ein alter Freund aus den 1990er Jahren in Kouloubleni, stellte uns kostenlos Stühle, seine Verstärker, Lautsprecher und Mikros zur Verfügung. Dazu die passende Musik zum Anheizen und Abtanzen zwischendurch. Das Ambiente stimmte. Einer der Spieler war ein junger Mann namens Ismael, der bei Christiane Mitte der 1990er Jahre in den Kindergottesdienst gegangen ist, sich dann bekehrt hat und jetzt sportmissionarisch aktiv ist – als Volleyballer und Fußballer. Das ist echt eine runde Geschichte, die Spaß macht und die zeigt, dass unser Dienst auch ohne unser Beisein irgendwann Früchte trägt.Christiane und ich haben als Schiedsrichter fungiert. Einer der Zuschauer hat sich das Mikro geschnappt und als Reporter die Spiele engagiert kommentiert und den jeweiligen Punktestand durchgegeben. Am Ende habe ich mir das Mikro genommen und eine kurze Andacht gehalten. Dabei habe ich Beobachtungen aus dem Spiel mit Werten fürs Leben und der biblischen Botschaft verknüpft. Es ging dabei um Teamgeist, um ein gutes Zusammenspiel, um gegenseitige Ermutigung beim Rückstand usw. Diese Elemente habe ich auf den Alltag der Menschen übertragen und dabei die Verbindung zu 1. Korinther 12 (die Gemeinde als menschlicher Körper, wo ein Glied für das andere da ist) hergestellt. Anschließend wurde ich von Ismael, der bei einem christlichen Radiosender in Bamako mit für die Sportsendungen zuständig ist, interviewt. Der Nachmittag hat ganz einfach Spaß gemacht und uns gezeigt, dass der Sport eine tolle Möglichkeit ist, Menschen zusammenzubringen und biblische Botschaft zu kommunizieren, ohne dabei große zwischenmenschliche Hürden überwinden zu müssen.

Die Aktionsplattform BOGO WULI ist Partner der malischen sportmissionarischen Organisation EPHRATA. Über weitere Ideen haben wir schon nachgedacht. Wir wünschen uns eine noch bessere Integration in die Jugendarbeit unserer Gemeinden. So haben wir die Möglichkeit, das missionarische Bewusstsein zu stärken und gleichzeitig den Sport in den Stadtviertel Bamakos zu fördern.

Sabalibougou | Ebola-Aufklärung im Gottesdienst


Das Händeschütteln beim Begrüßen nimmt zunehmend ab. Die Leute haben hier und da im Radio gehört, dass der Ebola-Erreger sich über Körperschweiß übertragen kann. Mit einem Lächeln auf dem Gesicht falten die Leute ihre Hände vor dem Gesicht zusammen und grüßen auf Distanz. Die Regierung hat in den letzten Tagen Imame und Pastoren noch einmal dringend dazu aufgerufen, während der Gottesdienste in Moscheen und Gemeindehäusern bei der Sensibilisierung der Bevölkerung mit zu helfen. Mittlerweile sind 256 Personen in Quarantäne und werden in verschiedenen Gesundheitszentren medizinisch überwacht. In Mali gab es mittlerweile 5 Todesfälle. Die Öffentlichkeit ist gewarnt. Gestern berief der Präsident des Landes eine Sondersitzung von Ministern und Vertretern der Gesundheitsbehörden ein. Die Zeichen stehen auf Rot. Der Präsident Ibrahim Boubacar Keita sagte eine Reise ins Innere Malis ab, um die Entwicklung in der Hauptstadt zu verfolgen und entsprechende Anweisungen zu geben.
Christiane und ich haben unseren Leuten in der kleinen Gemeinde Sabalibougou auf Bambara und mit Hilfe von selbst erstelltem didaktischen Material (Zeichnungen) die Symptome von Ebola erklärt und aufgezeigt, wie man sich durch das Einhalten von Hygienemaßnamen und Verhaltensänderungen schützen kann. Kinder und Erwachsene waren aufmerksam bei der Sache. Wir sind auf einige Rückfragen eingegangen. Danach kam die Predigt über das Gleichnis vom vierfachen Ackerfeld aus Matthäus 13. Ob es nun Gottes Wort ist oder wichtige Informationen, in beiden Fällen kommt es darauf an, Worte zu hören, zu verstehen und umzusetzen. Gemeinsam haben wir den Gottesdienst mit Gebeten für Anliegen aus der Gemeinde und die Ebola-Kranken in Mali beendet und Gott um seinen Schutz angefleht.

Im Anschluss haben uns die Leute das Material aus den Händen „gerissen“. Kinder und Erwachsene wollten sich die Zeichnungen und die Infos zu Ebola noch einmal genauer anschauen. Das Interesse war groß. Das macht uns zuversichtlich. Die Botschaft ist angekommen. Die Leute sind sensibilisiert. 

Donnerstag, 13. November 2014

Bamako | Training beim malischen Fußballmeister


Am Donnerstag hatte ich die Gelegenheit, eine Trainingseinheit bei Stade Malien zu besuchen. Paul F. hatte mich dazu eingeladen. Er ist Mitglied im Verein und ein großer Fußballfan. Die Stadisten sind aktueller malischer Fußballmeister. Die offizielle Meisterschaftssaison hat noch nicht begonnen. Am Samstag findet das Halbfinalspiel im malischen Pokal statt. Auch hier ist Stade Malien Favorit. In der kommenden Saison warten außerdem Herausforderungen in der afrikanischen Championsleague. Auf dem Gelände waren ca. 400 Leute, die dem Training zugeschaut haben. Paul hat mich einigen seiner Freunde und Fans des Vereins als Christ, Freund und neuen Anhänger des Vereins vorgestellt.  Ein paar Gespräche über Fußball, die politische Entwicklung in Mali, über den Unterschied zwischen Katholiken, Orthodoxen und Protestanten, die Aussichten des Vereins für die nächste Saison … einfach nur Small-talk, ein Anfang. Du kannst jederzeit wieder kommen, riefen mir einige beim Abschied zu. Am Ende hat Paul mich mit Cheik Diallo bekannt gemacht. Er war in den 1970er Jahren malischer Nationalspieler und hat die meiste Zeit seiner Fußballkarriere in Frankreich verbracht. Jetzt begleitet er das Training von einem bequemen Stuhl aus und gehört zum erweiterten Trainerstab. Ein interessantes Treffen -–auch hier, nur ein Kontakt. Der Nachmittag hat mir gezeigt, was möglich ist. Einfache Kontakte am Rande eines Fußballfeldes, die alle Möglichkeiten eröffnen, biblische Themen ins Gespräch zu bringen und meinen Glauben an Jesus zu bezeugen.

Mittwoch, 12. November 2014

Bamako | Krankenpfleger verstirbt an dem tödlichen Ebola-Virus


Wir haben alle aufgeatmet als der Gesundheitsminister am Montagabend Entwarnung gab. Die Personen, die im Kontakt mit dem an Ebola verstorbenen Mädchen standen und in Quarantäne waren, sind gesund. Keiner von ihnen hat die für Ebola typischen Symptome gezeigt. Schon vor zwei, drei Tagen haben uns Leute gefragt: „Können wir jetzt weitermachen wie vorher, uns grüßen wie vorher, ohne die strikten Hygienevorschriften zu beachten?“ Diese Frage zeigt, dass viele Menschen in Mali noch nicht wirklich begriffen haben, worum es geht. Es geht letztlich nicht darum, Anordnungen zu befolgen, sondern darum zu verstehen, was hinter diesen Maßnahmen steckt. Es geht nicht um Gehorsam, sondern um den Schutz vor einem gefährlichen Virus. Der Mangel an Hygiene und das Ignorieren bestimmter Verhaltensregeln erhöht das Risiko, von Ebola-Kranken angesteckt zu werden.
Gestern Abend (11.11.) ist ein Krankenpfleger, der in einer Klinik in Bamako gearbeitet hat, an Ebola verstorben. Er hatte die Pflege eines alten Imam (Marabout) übernommen, der sich in Guinea angesteckt hatte. Von der Deutschen Botschaft in Bamako erhielten wir heute Morgen eine entsprechende Bestätigung und den Aufruf, weiter die strikten Verhaltensregeln zu beachten. Die Gefahr ist noch nicht vorbei. Die betroffene Klinik PASTEUR wurde inzwischen desinfiziert und für drei Wochen geschlossen. Die Regierung tut alles, um die Bevölkerung aufzuklären, ohne dabei Panik zu verbreiten. Doch das Problem liegt woanders. Die Gesundheitsbehörden haben es nicht in der Hand, ob die Empfehlungen und Hygienemaßnahmen von der Bevölkerung akzeptiert und umgesetzt werden.
Die Reaktionen in der facebook-group STOP EBOLA zeigen, dass viele von einem mystischen, religiös überhöhten Denken oder auch vom Misstrauen gegenüber den Ideen des Westens, der UNICEF u.a. Organisationen geprägt sind.
„Nur Gott kann uns beschützen“, sagen sie. Ja, natürlich ist das wahr. Aber das schließt verantwortliches Handeln nicht aus, sondern ein.
„Ebola ist eine Erfindung des Westens, um die Afrikaner zu eliminieren oder einzuschüchtern“, schreibt ein anderer. Was soll man gegen solche Verschwörungstheorien unternehmen?
Zum Glück nehmen die meisten die Warnungen ernst und bescheinigen den Gesundheitsbehörden, dass sie eine gute, verantwortliche Arbeit machen.
Doch viele fragen auch kritisch zurück: „Wie konnte es dazu kommen, dass die Großmutter des erkrankten Kindes unbehelligt in einem Überlandbus über Bamako nach Kayes reisen konnte?“ Mit wie vielen Menschen ist sie wirklich in Kontakt gekommen?“ Inzwischen stellt sich heraus, dass die Oma mit ihrem Enkel zehn Tage in Bamako verbracht hat.
„Wieso haben die betroffenen Familien und Verwandten nichts unternommen, obwohl die Sensibilisierungschampagnen der Regierung in Sachen Ebola auf Hochtouren laufen?“
„Warum werden die Grenzen nach Guinea nicht geschlossen?“
Es gibt Menschen, die einfach weitermachen wie vorher, die einfach nicht verstehen oder verstehen wollen. Dabei riskieren sie nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch das ihrer Mitbürger.
Journalisten von AFRIKAN haben den Verlauf der Übertragung des Ebola-Virus im Fall des gestern verstorbenen Krankenpflegers recherchiert. Das, was dabei ans Licht gekommen ist, zeugt von Unverantwortlichkeit, charismatisch-religiöser Überheblichkeit und Naivität.
Der Ende Oktober verstorbene Marabout (islamischer Geistlicher und gleichzeitig traditioneller Heiler) war, so die Internetplattform AFRIKAN, auf Wunsch einer von Ebola betroffenen Familie aus der Grenzregion Mali-Guinea (Kouremale) ins südliche Guinea gereist. Er sollte Allah und die Geister um Hilfe anrufen und für Heilung beten. Dass es sich bei dieser Person um einen Imam handelte, wurde inzwischen auch von anderer Seite bestätigt. Die Heilung blieb jedoch aus. Die an Ebola erkrankten Menschen in Guinea verstarben. Der Marabout reist danach unbehelligt in Begleitung von zwei seiner Frauen und seinem Sohn zurück nach Mali. Er erkrankt und lässt sich zunächst in einer Privatklinik in Siguiri (Region Kankan im Norden Guineas) behandeln. Die Behandlung zeigt keine Erfolge und die Familie beschließt den ca. 70-jährigen Imam in der besagten Klinik PASTEUR in Bamako behandeln zu lassen. Dort wurde er mit Verdacht auf Lungenentzündung behandelt. Andere Quellen sprechen von "Unwohlsein", Symptome, die zumindest angesichts der sensiblen Lage in Westafrika hätten aufhorchen lassen müssen. Doch der Imam verstirbt. Die Klinik informiert jedoch nicht die Behörden, so wie es zu erwarten gewesen wäre. 
Der Normalbürger fragt sich: Ein Patient kommt aus Guinea nach Mali und erkrankt. Warum wurden zu diesem Zeitpunkt nicht schon die Alarmglocken geläutet? Stattdessen erteilt die Klinikleitung auf Drängen der Familie die Erlaubnis, die Leiche abzuholen, in einer nahegelegenen Moschee (Diala) zu waschen, zurück nach Kouremale zu transportieren und dort traditionell zu begraben  – ohne Hinweis auf jegliche Vorsichtsmaßnahmen. Erst als der behandelnde Krankenpfleger einige Zeit später erkrankt, schlägt die Klinik Alarm. Der Direktor der Klinik erklärte am 11.11. in einer Pressekonferenz, dass die Gesundheitsbehörden erst sehr spät darüber informiert hätten, dass es sich im Fall des verstorbenen Imam um einen Ebola-Verdachtsfall gehandelt hätte. Weiterhin gibt er zu verstehen, dass er die Krankenakte noch nicht studiert hätte und nur über Informationen verfügt, die "man ihm zugetragen hätte". Diese Erklärungen kommen bei Journalisten und in der Bevölkerung sehr schlecht an. Eine Klinik mit gutem Ruf hätte seriöser vorgehen müssen und beim Beachten aller Maßnahmen angesichts der sensiblen Lage selber herausfinden müssen, ob eine Ebola-Erkrankung vorliegt oder nicht. So wird der "Schwarze Peter" hin und her gereicht. Die WHO fordert die Behörden auf, die Moscheen in Diala und in Bamako-Djikoroni, wo die Personen aus dem Umfeld des Imam verkehrten zu desinfizieren und vorübergehend zu schließen. Auch eine der beiden Frauen ist laut einem Kommunikee der WHO vom 10.11. inzwischen verstorben. Der Sohn wurde positiv auf Ebola getestet und wird in einer Klinik in Siguiri (Guinea) behandelt. 
Wie viele Menschen sind mit dem erkrankten Imam und dessen Familienangehörigen in Kontakt gekommen? Wie viele Menschen haben die besagten Moscheen besucht und sind mit dem Virus in Berührung gekommen? Keiner kann diese Fragen genau beantworten.
Was nützen also all die Vorschriften und Empfehlungen, wenn unverantwortlich handelnde Menschen diese missachten? An dieser Stelle könnte ich mich aufregen über den islamischen Fatalismus (Gott hat es so gewollt. Er wird es schon richten), über das mystische Weltbild und das damit einhergehende defizitäre Menschenbild … doch das hilft im Moment auch nicht weiter.

Inzwischen sind 106 Menschen in Mali in Quarantäne und werden medizinisch überwacht, darunter auch Angehörige der UN-Schutztruppen (MINUSMA). Die WHO und die UNO haben ein waches Auge darauf, wie sich die malischen Gesundheitsbehörden jetzt verhalten. Die Sensibilisierung muss weiter gehen – über Zeitungen, TV und Radiostationen, aber auch in den christlichen Gemeinden. Solange die Risiken der Übertragung bestehen, muss das Bewusstsein wach gehalten werden. Der Tod des Krankenpflegers wird die Menschen aufrütteln und ihnen zeigen: Die Lage ist ernst. Die Gefahr ist nicht vorbei. Das Kopieren einiger Vorschriften alleine hilft uns nicht. Wir müssen kapieren, was dahinter steckt und sie auch beachten sowie eigenverantwortlich unser Verhalten überdenken. Trotz allem vergessen wir dabei nicht: Nur Gott kann uns wirklich helfen. Aber wir sind im gleichen Maße verpflichtet, uns verantwortlich zu verhalten.

Samstag, 1. November 2014

Bamako | Ebola auf der Tagesordnung der Ev. Allianz in Mali



Gestern waren wir bei einem Informations- und Gebetstreffen, das von der Ev. Allianz Malis organisiert wurde und in den Räumen der FATMES in Bamako stattgefunden hat. Mitarbeiter von UNICEF, der regionalen Gesundheitsbehörde sowie der Direktion für soziale Entwicklung waren vertreten.  Bereits vor einigen Monaten hatte die Ev. Allianz gemeinsam mit UNICEF im Grenzgebiet zu Guinea eine Aufklärungskampagne in Sachen Ebola durchgeführt. Man kennt sich mittlerweile gut. Die Kooperation von Behörden und Kirchen, von Nichtchristen und Christen, von Experten und religiösen Leitern sowie die Integration von Gebet und Information ist in diesem Fall die richtige Maßnahme und aus meiner Sicht ein praktisches Beispiel gesellschaftsrelevanter integrativer Missionsarbeit.

Dr. René DIARRA, ein katholischer Arzt, der die für den Raum Bamako zuständige Gesundheitsbehörde leitet, hat kompetent und verständlich über die Herkunft von Ebola, die Ansteckungsmechanismen und deren Verhinderung sowie über Hygienemaßnahmen referiert. Ebola wird erst dann zu einer Gefahr, wenn die entsprechenden Symptome ausgebrochen sind. Der Virus wird in erster Linie durch körpereigene Flüssigkeiten wie Schweiß, Speichel, Blut, Spermien usw. übertragen. Tote sind, so Dr. DIARRA, „Virenbomben“. Das Waschen der Toten zu Hause, das Umarmen beim Abschied und Beerdigungen sind daher Situationen, wo das Übertragungsrisiko am Größten ist. Am besten wäre es, die Leichen zu verbrennen, doch das ist im religiösen Kontext Malis sowohl von christlicher als auch von muslimischer Seite aus verpönt.  Deshalb müssen im gegebenen Fall Spezialteams aus den Kliniken die Versorgung der Leichen und die Bestattung übernehmen. Ein weiteres Problem besteht darin, dass auch von Leichen noch lange nach dem Begräbnis von Ebolatoten eine Ansteckungsgefahr ausgeht. Bei der räumlichen Enge auf den Friedhöfen kann es durchaus dazu kommen, dass die Totengräber beim Ausheben eines Grabes mit einer anderen Leiche in Berührung kommen. Auch hier wird man sich andere Verhaltensweisen aneignen müssen, um das Risiko gering zu halten z.B. dadurch, dass die Gräber tiefer gelegt und die Leichen desinfiziert werden.
Wir sind Gott dankbar, dass es bisher nur einen Ebolafall in Mali gegeben hat. Einige Personen sind noch in Quarantäne. Die Inkubationszeit beträgt zwischen 8 bis 21 Tagen. Solange müssen die Menschen überwacht werden, um auszuschließen, dass sie den Virus in sich tragen.
Für die Mitglieder der Gremien in der Ev. Allianz Malis und die geladenen Pastoren waren diese Informationen zum Teil neu. Ziel der Regierung ist es, die religiösen Leiter des Landes in die Sensibilisierung der Menschen einzubeziehen und damit Panik und unüberlegte Verhaltensweisen angesichts der Ebola-Problematik zu vermeiden.
Die Veranstaltung wurde mit Gebet und Lobpreis im Beisein der Leute von UNICEF und den Behörden eingerahmt. Der Doktor brachte es auf den Punkt: „Ärzte können aufklären und Krankheiten behandeln, aber Gott allein kann heilen!“ Diese Aussage passt genau in den religiösen Kontext Malis. Das können alle nachvollziehen. Es wurde auch deutlich, dass die Übertragung des Ebola-Virus kein Schicksal ist. Durch das Beachten von Hygiene- und Verhaltensregeln kann eine weitere Übertragung vermieden werden. Das Verändern traditioneller Verhaltensweisen fällt den Maliern jedoch ziemlich schwer. Die Malier sind traditionsbewusste Leute und es ist grundsätzlich schwierig, Neuerungen und Veränderungen einzuführen.
In einigen Gemeinden stellt man mittlerweile am Eingang Wasser und Seife zur Verfügung. Die Gottesdienstbesucher werden gebeten, sich nicht zu umarmen oder intensiv zu begrüßen, nur durch einen Wink oder durch Kopfnicken. Wichtig ist auch, dass Pastoren bei Segenshandlungen den Körperkontakt vermeiden. 
Jedoch stellt sich die Frage: Was passiert zu Hause in den Familien? Was passiert in den überfüllten Sotrama und Duruni, den öffentlichen Verkehrsmitteln, wo 20 Personen in einem Kleinbus sitzen? Normalerweise wird  bei Besuchen das Wasser zur Begrüßung von mehreren Personen aus einem Becher getrunken. Welche einfachen Tipps können helfen, in diesen Situationen eine Übertragung zu vermeiden?

Bei der Aussprache wurden ganz praktischen Fragen gestellt, die das konkrete Alltagsverhalten betreffen. Das Expertenteam hatte keine Mühe, hier praktische für alle nachvollziehbare Vorschläge zu machen. Doch umsetzen müssen es die Leute selber. Einige Pastoren wollten wissen, wie der Staat den christlichen Gemeinden helfen kann, z.B. indem er Seife und eine genügend große Anzahl von Trinkbechern zur Verfügung stellt. Diese Frage ist typisch. Der Ruf nach dem Staat oder nach der Hilfsorganisation ertönt immer sehr schnell. Dr. DIARRA hatte auch hier die richtige Antwort parat: „Ihr lieben Pastoren, es sind eure Kinder, eure Familien, eure Gemeindeglieder, die es zu schützen gilt. Also legt euch ins Zeug und ergreift Initiative und wartet nicht auf den Staat. Tut selber etwas!“ 


Pastoren spielen bei der Sensibilisierung durch ihr Vorbild und durch eine Mentalität der Verantwortung eine wichtige Rolle. Die intensive Gebetszeit nach der Infoveranstaltung hat uns alle unsere Abhängigkeit von Gott bewusst gemacht. Er ist unsere Hilfe und unser Schutz.