Sonntag, 28. September 2014

Titibougou | sportmissionarische Kontakte knüpfen


Am Sonntag waren wir in Fonbabougou, einer kleinen Gemeinde außerhalb Bamakos. Paul Fadjigi gehört dort zur Gemeindeleitung. Er ist ein ausgesprochener Sportfan mit vielen Kontakten und einem großen Herz für Kinder. In dem benachbarten Stadtviertel Titibougou betreut er eine Fußballmannschaft von Kindern zwischen 9 und 13 Jahren. Zufällig erfuhren wir, dass am Nachmittag ein kleines Turnier gespielt wird. Paul lud uns ein. Um 16.00 Uhr startete das Finale. Pauls Mannschaft zog zwar den Kürzeren, doch alle hatten Spaß. Wir haben uns ein wenig mit den Kindern unterhalten und sie ermutigt, weiterzumachen. Paul meinte: "Mit den Kindern müssen wir uns beschäftigen. Die sind lernbereit und nicht so kompliziert wie Erwachsene." Recht hat er.



Paul stellte uns die Betreuer vor. Einer von ihnen ist Alou Bogolan T. Er ist der Chefcoach einer der beteiligten Teams. Er verdient seinen Lebensunterhalt als Kunsthandwerker, der Leinenstoffe verarbeitet und mit Naturfarben bedruckt. Das hat uns interessiert. Er lud uns ein, nach dem Spiel bei ihm vorbeizuschauen. 




Gesagt, getan. Seine Frau begrüßte uns mit einem breiten Lächeln. Bei der Unterhaltung stellten wir fest, dass das Ehepaar uns aus der Zeit in Kouloubléni (1990er Jahre) kennt. Dort hatten wir mit Jugendlichen des Öfteren Fußballturniere organsiert. Alou war damals dabei und hat die Idee einfach mitgenommen nach Titibougou und weiter umgesetzt. Das ist schon klasse, wie sich hier Kreise schließen. Der Kontakt ist da.

Paul ist Mitglied in unserem sportmissionarischen Team. Noch in diesem Jahr wollen wir auf dem Trainigsplatz in Titibougou ein Volleyballturnier durchführen. Die Idee eines Trainingscamps mit den Jugendmannschaften des Viertels ist bereits geboren und die Umsetzung angesichts der bestehenden Kontakte sehr wahrscheinlich.

Fonbabougou | Da ging die Post ab


Das war ein beeindruckender Gottesdienst. Die kleine Gemeinde in Fonbabougou, ca. 25 km von Bamako entfernt, versammelt sich im Hof von Herrn Kamaté. Er ist blind und ein engagierter Christ. Bei der Begrüßung musste er meine Hand erst ertasten. Paul Fadjigi, ein alter Freund, den wir seit den 1990er Jahren kennen, hatte uns an der Hauptstraße abgeholt und uns zu dem etwas abgelegenen auf einem Berghang befindlichen Hof geführt. Der kleine Raum hat eine Größe von 5 mal 8 Meter. Chor und Gemeinde waren schon in action, als wir ankamen. Langsam füllt sich der Raum. 90 Leute habe ich gezählt, die meisten davon Jugendliche und Kinder. 
Die Frauen waren stärker vertreten als die Männer. Die meisten gehören der Volksgruppe der Bobo an und stammen aus der Gegend von Sanakui, im Osten des Landes. Engagierte und enthusiastische junge Leute leiten den Lobpreis – das hat uns beeindruckt. 


Der Rhythmus ist Spitze. Fünf, sechs Lieder an einem Stück. Da ging die Post ab. Die Stimmung steigert sich immer mehr. Halleluja- und Matigirufe (dt. Herr) werden laut. Eine Dame hat der drive dermaßen mitgerissen, dass sie in plötzlich in lautes Schreien ausbrach und nach draußen geführt werden musste. Nach fünf Minuten hatte sie sich wieder beruhigt. 
Bei dem jungen Mann, der die Lieder begleitete und dabei seine Jimbé (malische Trommel) zum Tanzen brachte, hätte ich gerne ein paar Nachhilfestunden genommen. Es ist immer wieder beeindruckend, wie Afrikaner mit stoischer Ruhe nach außen und viel Enthusiasmus im Herzen ihre Trommeln zum Klingen bringen, dabei ständig die Schlagfrequenz wechseln und sich harmonisch dem Gesang und Tanz der Menschen anpassen.

Die Predigt hielt ein pensionierter Mitarbeiter von World Vision über die Heilung des syrischen Beamten Naeman im Jordan. Die Gemeinde hat keinen eigenen Pastor und hat sich sehr über unseren Besuch gefreut. Im Vorfeld hatte ich es bewusst abgelehnt, die Predigt zu übernehmen. 


Ich finde es wichtig, dass Missionare lernen zuzuhören, sich einfügen in bestehende Abläufe, die Gemeinschaft genießen und nicht immer die erste Geigen spielen, obwohl sie aus verschiedenen Gründen (Ehrengast, Fachkompetenz) von Maliern immer wieder in diese Rolle gedrängt werden. Die Kinder treffen sich drei Meter neben dem Gottesdienstraum zur Sonntagschule unter einem notdürftig zusammengezimmerten Hangar aus Blättern und Bambusstangen. Die Gemeinde ist auf der Suche nach einem Grundstück. Vielleicht werden wir hier in regelmäßigen Abständen auftauchen und uns ein wenig einklinken. 

Samstag, 27. September 2014

Bamako | Hauptversammlung der Ev. Allianz in Mali - sehr viele Formalitäten und einige frische Perspektiven


Viele bekannte Gesichter sind mir in den drei Tagen (25.-27.9.2014) der diesjährigen Hauptversammlung der Ev. Allianz in Mali begegnet. Darunter waren „alte Haudegen“, die seit Jahren Verantwortung in ihren Gemeinden übernehmen, aber auch viele junge Pastoren, die mir bei meiner Tätigkeit als Lehrer an theologischen Ausbildungsstätten und auf Seminaren während der letzten Jahre begegnet sind.
Das Eingangsreferat beschäftigte sich mit dem Thema: „Ganzheitliche Mission – Quelle der Hoffnung“. Die malischen Gemeinden beginnen zu begreifen, dass soziales Engagement sich nicht darin erschöpft, ausländische Partner für die Finanzierung ihrer Projekte ins Boot zu holen. Sie lernen, das Wenige, was sie haben zu investieren und damit zu starten … Das ist ermutigend. Die Gemeinden haben gemerkt, dass es angesichts instabiler politischer Verhältnisse sehr einseitig ist, sich auf westliche Partner zu verlassen, die früher oder später das Land aus Sicherheitsgründen verlassen könnten.

Wie sind die Sitzungen verlaufen? Viele Rechenschaftsberichte und Aussprachen. Mir fiel jedoch auf, dass sehr viel Zeit verbraucht wurde, um formale Fragen zu klären, die regelmäßig auftauchen und trotz der langjährigen Erfahrung immer noch offen sind. Immer dann, wenn ein inhaltliches Problem auftauchte, wurde eine Arbeitskommission eingesetzt. Nicht schlecht. Dennoch zeigt die Erfahrung, dass diese Kommissionen aus verschiedenen Gründen nicht dazu kommen, die ihnen anvertraute Arbeit zu tun. Das ist eine Krankheit, die jede Organisation befallen kann, nicht nur in Mali. Dennoch nervt das … Es ist schade, wenn gute Ideen in Tagesordnungen auftauchen, protokolliert werden und anschließend in Ordnern vermodern. Zum Glück gibt es genug malische Pastoren, die das genauso sehen und sich in der Arbeit vor Ort wohler fühlen als auf Sitzungen.

Aber es gibt auch sehr gute Perspektiven. Die malischen Frauen engagieren sich sehr stark in gesellschaftlichen Fragen. Auch die Berichte über die Arbeit unter Straßenkindern und in Gefängnissen haben mich sehr berührt und überzeugt. Diese Arbeit verlangt sehr viel Einfühlungsvermögen und Geduld. Gefängnisinsassen lernen Jesus Christus kennen. Selbst die Beamten des Innenministeriums bescheinigen: „Die Rückfallquote der Insassen aus Gefängnissen, die von den evangelischen Pastoren betreut werden, ist erheblich geringer als anderswo.“
Die Ev. Allianz wird im nächsten Jahr einen Kongress für Evangelisation und Mission ausrichten. Ziel ist es, Pastoren, Gemeinden und Partnerorganisation zu ermutigen und über die missionarischen Herausforderungen in Mali zu informieren. Auch der Austausch über gemachte Erfahrungen soll gefördert werden. Darauf bin ich gespannt …

Grenzgebiet Guinea – Mali | Ebola ist nicht weit weg

UNICEF verfolgt seit geraumer Zeit in Mali das Ziel, die Bevölkerung in der Grenzregion zwischen Mali und Guinea über die Ebola-Epidemie zu informieren. Auf der Suche nach Partnern, die einen guten Draht zur Basis haben, sind die Leute von UNICEF auf die Ev. Allianz und ihr Entwicklungsbüro gestoßen. Das Entwicklungsbüro der Ev. Allianz in Mali hat schwere Zeiten hinter sich. Viele Partner, die bisher Projekte finanziert haben, sind abgesprungen, weil Geld nicht ordnungsgemäß verwaltet wurde. Dieses verlorengegangene Vertrauen muss erst wieder gewonnen werden. Dennoch genießen die Ev. Allianz und ihr Entwicklungsbüro in Mali nach wie vor einen guten Ruf. Die Allianz Mission engagiert sich seit Ende der 1987 in der Ev. Allianz Malis.
Im April 2014 machte sich eine kleine Kolonne von Fahrzeugen besetzt mit Fachleuten und Mitarbeitern des ev. Entwicklungsbüros sowie der kath. Kirche auf den Weg in den Südwesten Malis. In katholischen und evangelischen Gemeinden und in knapp 20 Dörfern wurden Informationen in Französisch und Bambara verteilt, medizinisches Personal geschult und die Verantwortlichen in den Kommunen sensibilisiert. Insgesamt sind 395 Personen persönlich kontaktiert und aufgeklärt worden. Das Material wurde von Jean Pierre D., dem Leiter des Entwicklungsbüros, ins Bambara übersetzt. In den Monaten August und September 2014 wurden zudem Radiosendungen geschaltet, um die Bevölkerung in der betroffenen Region darüber zu informieren, woher Ebola kommt, welche Symptome sich bei von Ebola infizierten Menschen bemerkbar machen, wie man sich verhalten soll, wie die Hygiene verbessert werden kann und was man tun kann, wenn Menschen an Ebola erkrankt sind. Die Bevölkerung und die Verantwortlichen der Kommunalverwaltung haben positiv reagiert und versprochen, die Hygienemaßnahmen zu beachten und die Informationen weiter zu streuen.
Jean Pierre D. ist ein erfahrener Mann. Wir kennen ihn seit über 20 Jahren. Er genießt das Vertrauen der Gemeinden. Obwohl er schon in Rente ist, hat er die Strapazen der Reisen auf sich genommen und die Gelegenheit genutzt, die Liebe Jesu durch diese Aktion zu bezeugen. Einer der Bürgermeister aus der Gegend um Gouanan (Bezirk Yanfolila) berichtet: "Zwischen Guinea und dem Norden der Elfenbeinküste und dem Süden Malis Region Sikasso) ist wegen der dichten Bewaldung des Gebietes die Grenze nicht vollständig zu kontrollieren und deshalb durchlässig."
Wir beten für eine vernünftige Aufklärung der Bevölkerung, die seriös, aber ohne Panikmache vonstatten geht. Wir beten, dass Mali vor Ebola verschont bleibt.
Bisher sind in Mali jedenfalls keine Ebolafälle bekannt geworden. Die Kampagne mit UNICEF zeigt, dass die Gefahr, die von Ebola ausgeht, ernst genommen wird. Es ist wichtig, dass sich Christen hier einklinken und ihre Verantwortung wahrnehmen. 

Donnerstag, 25. September 2014

Bamako | Demonstration gegen die Teilung des Landes

Tausende von Malier sind in der malischen Hauptstadt am Platz der Unabhängigkeit auf die Straße gegangen. Sie demonstrierten gegen die Pläne einiger politischer Gruppen im Norden des Landes, die auf eine Teilung des Landes hinauslaufen und den radikalen Kräften erneuten Handlungsspielraum ermöglichen würde. Bereits Anfang der Woche hat es in Gao eine Demonstration der dortigen Bevölkerung aus den gleichen Gründen gegeben. Gestern wurde in der Presse ein Verhandlungsvorschlag kolportiert, der unter dem Deckmantel eines föderalen Systems eine Zweistaatenregelung vorsieht: der Staat Azawad im Norden, der sich aus den aktuellen Regionen Kidal, Timbuktu und Gao sowie einige Kommunen der Region Mopti zusammensetzt; und im Süden der Staat Mali, der weiter von Bamako aus regiert würde. Falls diese Lösung auf positive Reaktion seitens der Vermittler stößt, würde Mali de facto seine territoriale Integrität verlieren. Die Kritiker befürchten noch viel mehr, dass die Autonomie Azawads die radikal islamistischen Kräfte ermutigt, erneut in Aktion zu treten, Unruhe zu stiften, Attentate zu verüben und die Macht an sich zu reißen. Die Schutztruppen würden sich zurückziehen und die malische Armee hätte zurzeit nicht die Mittel, gegen eine erneute Eskalation vorzugehen.
In Algier wird derweilen verhandelt. Die malische Zentralregierung, Vertreter der Zivilbevölkerung sowie der bewaffneten Gruppen des malischen Nordens und internationale Vermittler sitzen an einem Tisch, um eine nachhaltige politische Lösung des Konflikts zu beraten.
Auf der diesjährigen Hauptversammlung der Ev. Allianz in Mali wurde ebenfalls auf die genannten Gefahren hingewiesen. Die Christen stehen für die Bewahrung der territorialen Einheit, für eine politische Lösung ohne erneute militärische Auseinandersetzungen und für die Wahrung der kulturellen, ethnischen und religiösen Diversität, die eine freie Religionsausübung einschließt.

Wir rufen auf zum Gebet für Frieden, für konstruktive Verhandlungen, bei denen die Volksgruppen des Nordens gleichermaßen auf ihre Kosten kommen und für die Wahrung der Freiheit im Land, auf die die christliche Minderheit im Land dringend angewiesen ist.

Bildnachweis: Foto von Joseph Togo, Bamako

Mittwoch, 24. September 2014

Missionarische Gemeindearbeit | … und was passiert eigentlich im Süden von Bamako

Typisch Enoc. Es ist schon nach 21 Uhr. Er kommt vorbei, um zu grüßen und zu reden. Wir kommen im Gespräch u.a. auf die Entwicklung der Gemeindearbeit im Bezirk Bamako zu sprechen, für den Enoc als Vorsitzender des Kreisverbandes zuständig ist. Im Kreis arbeiten zzt. 12 Pastoren, die 26 Gemeinden und missionarische Aufbauarbeiten betreuen. Die Zahl der Gottesdienstbesucher liegt zwischen 250 und 30 Personen. Es gibt kleinere Gemeinden, die bereits über ein Gemeindehaus verfügen. An anderen Orten treffen sich dagegen über hundert Leute im Hof einer christlichen Familie. Ich breite eine Karte auf dem Küchentisch aus und gemeinsam identifizieren wir die Orte, wo es bereits Gemeinden gibt. Das Einzugsgebiet der UEPEM-Gemeinden erstreckt sich nördlich des Nigers von Bamako-Quinzambougou im Westen bis nach Manabougou im Osten. Dazwischen liegen 50 km. Auf der Südseite des großen Flusses gibt es einige Gemeinden entlang eines Kanals und an zwei großen Achsen, die nach Segou in den Osten und Richtung Bougouni in den Süden führen. Der südlichste Punkt liegt 80 km von Bamako entfernt. Hier arbeitet ein Missionar aus dem Kamerun, den Enoc regelmäßig besucht. Doch dazwischen, weiter im Südwesten von Bamako, gibt es ein weites Gebiet, wo es kaum Gemeinden gibt. Auch die sozialen Projekte der meisten Hilfsorganisationen konzentrieren sich eher auf Bamako und einige wenige Zentren im Umfeld. Die Förderung der Landwirtschaft, der schulischen Ausbildung als auch der medizinischen Infrastruktur, aber auch Gemeindegründungsinitiativen werden vernachlässigt. Wir sind durch Dörfer gefahren, in denen es zwar offiziell eine Entbindungs- oder Krankenstation gibt, die aber wegen des unzulänglich ausgebildeten Personals und der mangelnden Ausrüstung kaum frequentiert werden.
Wir fachsimpeln ein wenig und sondieren Möglichkeiten missionarischer Strategien in diesem Gebiet. Es fehlt an Pastoren. Das liegt auf der Hand. Es gibt auch keine westlichen Mitarbeiter (Missionare), die sich hier einklinken. Dadurch kommen motivierte ehrenamtliche Mitarbeiter zum Zug. Das ist grundsätzlich eine positive Entwicklung. Doch diesen Leuten fehlt es oft an theologischer Ausbildung und strategischem know-how. Die Zahl der ausländischen Missionare ist nach der politischen Krise in Mali in allen Teilen des Landes zurückgegangen.
Sinnvoll wären ganzheitliche Initiativen und interkulturell zusammengesetzte Teams, die sich aus Pastoren, ehrenamtlichen Mitarbeitern und aus Missionaren aus dem Ausland (Afrika, Europa u.a.) zusammensetzen. Gleichzeitig wäre eine integrale Besetzung wichtig, Teams also, die für die Bevölkerung relevante Kompetenzen in sich vereinigen und wo verschiedene Berufsfelder ineinander greifen. Pädagogen für Schulen,  Landwirte, die Anbautechniken verbessern helfen und in der Viehzucht behilflich sind, medizinisches Personal, das in Zusammenarbeit mit den wenigen Gesundheitszentren mobile Hilfsdienste anbietet, Evangelisten, die das Evangelium erklären und Gemeindegründer, die Menschen in Gemeinden sammeln. Der Gemeindebezirk Bamako hat in der Vergangenheit neben eigenen Gemeindegründungsinitiativen schon einige soziale Projekte realisiert (AIDS-Aufklärung u.a.). Es blieb jedoch bei punktuellen Aktionen.
Enoc ist es wichtig, dass die theologische Ausbildung und der Pastorennachwuchs langfristig sichergestellt werden können. Viele Gemeinden beklagen sich über die mangelnde pastorale Betreuung. Einige Gemeindegründungsinitiativen drohen zu verebben, weil kompetente Mitarbeiter fehlen und die regelmäßige pastorale Betreuung nicht sichergestellt ist.
Auch Enoc spricht von einem holistischen Ansatz in der Gemeindearbeit. Im Gespräch wird klar, dass er das als eine zentrale Aufgabe der Gemeinden ansieht und nicht als eine Spezialaufgabe, die an ausländische Organisationen und NGO delegiert werden sollte. Diese Sicht ist längst nicht selbstverständlich. Missionsgesellschaften und Hilfsorganisationen werden viel zu oft als „Melkmaschinen“ angesehen, deren strategischen und finanziellen Möglichkeiten man sich für die Durchführung von sozialen Projekten bedient. Enocs Haltung ist aber auch der Tatsache geschuldet, dass die mit den UEPEM-Gemeinden kooperierende NGO kein Personal in der Region Bamako stationiert hat und damit der Blick für die ganzheitlichen Bedürfnisse der Gemeinden fehlt.
In Mali gibt es viel Handlungsspielraum. Es gibt Perspektiven. Doch die Umsetzung scheitert zu oft an der zu dünnen Personaldecke. Außerdem brauchen die Gemeinden eine "Struktur der kurzen Wege“, die den Bedürfnissen der Arbeit angepasst ist – Weg von der Pastorenzentrierung hin zum kollektiven Handeln in Teams. Weg von zentralistischen Projektstrukturen hin zu regionalen Initiativen, die Gemeinden stärker in das soziale Engagement vor Ort einbeziehen.

Dienstag, 23. September 2014

Magnambougou | Wir sammeln Müll um zu überleben


Sie steht an der Straße und wartet auf eine Mitfahrgelegenheit. Sie schwitzt und schützt sich mit einem Kopftuch vor der sengenden Sonne. Draußen sind es 38 Grad. Das Innere meines Autos wird durch eine Klimaanlage auf erträgliche Temperaturen heruntergekühlt. Ich bin gerade von Niarela unterwegs nach Nyamakoro zu einer Sitzung an der FATMES. Ich halte an und frage, ob ich sie mitnehmen kann. Mit einem breiten Lächeln steigt sie ein. Wir unterhalten uns in Bambara. Ich erkundige mich nach ihrem Namen. „Ich möchte nach Magnambougou“, erklärt Fatoumata, eine junge Frau, etwa 20 Jahre alt. „Bist du unterwegs zur Arbeit?“, frage ich. „Was arbeitest Du? ». „Ne be taa nyamantomo la“, antwortet sie (dt. Ich fahre zur Müllkippe). Wohin bitte? Arbeitsplatz Müllhalde!
„Bist du zur Schule gegangen?“, will ich wissen. „Ja“, sagt sie. „Das DEF (Hauptschulabschluss) habe ich noch geschafft, aber beim Abitur bin ich zweimal durchgerasselt“. 
Und jetzt fährt Fatoumata aus ihrem 10 Kilometer entfernten Heimatdorf täglich zur Müllhalde und sucht mit anderen nach recyclebaren Sachen, nach Stoffresten, nach Plastikkanistern, nach Dosen und Eisenteilen. „Das ist besser als zu Hause herumsitzen“, sagt sie lachend. „Vieles kann irgendwie noch verwertet werden und bringt Geld in die Familienkasse“. 

Staat, Arbeitsamt !? Vergiss es! Da kannst du lange warten! Hier geht es ums Überleben. Und wer überleben will, der muss initiativ werden. Als wir an der riesigen Müllkippe ankommen bedankt sie sich. Wir wünschen uns einen gesegneten Tag. Auf dem Müllhaufen herrscht reges Treiben. Eselskarren fahren vor und laden Brauchbares auf. Am Rande des Platzes sehe ich riesige Müllsäcke, in denen sich das Sammelgut befindet.
Ich werde nachdenklich – und fahre weiter. Auf der Rückfahrt halte ich nochmal an, an dem riesigen Müllplatz. Ich mache ein paar Fotos ...

Sonntag, 21. September 2014

Sabalibougou | Wer glaubt geht los

Kurz vor der Abfahrt ins zwanzig Minuten entfernte Sabalibougou regnete es. Unter diesen Umständen bleiben Malier normalerweise zu Hause. Dennoch waren wir überrascht, dass über 30 Leute zum Gottesdienst kamen. Alfred hielt heute seine erste Predigt in der Gemeinde, in malischem Stoff und auf Bambara. Das Thema Glaube stand auf dem Zettel. Anhand der Abrahamsgeschichte aus Genesis 12 und der Begegnung des zweifelnden Thomas mit Jesus aus Johannes 20 habe ich deutlich gemacht, dass Glaube mehr ist als die Zugehörigkeit zu einem Jüngerkreis oder zu einer Gemeinde. Glaube ist mehr als irgendwann einmal Gottes Stimme gehört zu haben oder ein Stück mitgelaufen zu sein. Glaube heißt Aufbrechen, losgehen und schauen, ob sich die Verheißungen des Wortes Gottes in der harten Realität des Lebens als wahr und tragbar erweisen. Auch für die Christen in Sabalibougou hat die Reise des Glaubens erst begonnen. Es sind wenige im Dorf, die überhaupt wissen, dass sich die Christen regelmäßig treffen. Hier ist es wichtig, weiter daran zu glauben: Gott baut seine Gemeinde. Gottes Verheißung ist auf unserer Seite. Damit die Gemeinde bekannt wird und weiter wächst ist es wichtig, so wie Abraham, loszugehen, zu hoffen, den Glauben öffentlich zu bekennen, „einen Altar in der Fremde zu bauen“ und den Namen Gottes auszurufen.
Wir hatten nach dem Gottesdienst ein sehr konstruktives Gespräch mit den Männern der Gemeinde. Ich bat Herrn Konaté den bereits vor einiger Zeit geäußerten Wunsch nach mehr Gemeinschaft aufzugreifen und den anderen zu erklären. „Viele von uns wohnen erst seit kurzer Zeit im Dorf", sagt er. "Wir kennen einander nicht oder nicht gut genug. Deshalb ist es auch schwierig, Nichtchristen einzuladen.“ "Was würdest du tunr?", frage ich nach. "Wir sollten uns einmal in der Woche in den unterschiedlichen Höfen treffen. Wir können bei Pascal anfangen", schlägt Konaté vor. "Er hat in seiner Familie schon einen Gebetskreis. Dort können wir besprechen, wie es danach weitergeht". Diese Idee findet breite Zustimmung. Ein Anfang ist gemacht.
Beten, die Bibel besser verstehen, einander besser kennen lernen, die christlichen Männer, die bisher nicht zur Gemeinde gehren gewinnen - das sind unsere Ziele. Unsere Hoffnung ist, dass die entstehende Dynamik in Zukunft auch missionarisch genutzt werden kann.
Wir merken: Gemeindeaufbauarbeit erfordert viel Geduld, eine Strategie der kleinen Schritte und ein hohes Maß an Flexibilität. Wichtig ist auch, dass wir die Leute ermutigen, ihre eigenen Bedürfnisse zu formulieren und Lösungen vorzuschlagen, bei deren Umsetzung wir ihnen dann behilflich sein können.

Mittwoch, 17. September 2014

Sportmission | Die Christen haben uns den Pokal geholt

2009 hat Stade Malien, ein in Mali sehr bekannter Fußballclub, die Kontinentalmeisterschaft gewonnen. Das war ein Highlight in der malischen Fußballgeschichte. Wie kam es dazu? Das ist eine Geschichte, die viel über die Bedeutung des Sports und die malische Kultur verrät.
Paul Fadigi C. hatte in der Stadt zu tun. Er war auf dem Nachhauseweg und kam vorbei, weil ich ihn gerne grüßen wollte. Eine Stunde saßen wir zusammen und haben über Sportmission und die alten Zeiten geplaudert. Paul ist ein alter Freund aus der Zeit, wo wir Mitte der 1990er Jahre in Kouloubleni (Stadtteil am östlichen Rand Bamakos) eine Gemeinde gegründet haben. Und er ist ein sportbegeisterter Zeitgenosse, einer der viele Verbindungen in die Sportwelt hat, angefangen von den Fußballclubs, über den malischen Fußballverband bis ins nationale olympische Komitee.
Ganz nebenbei hat er mir folgende ungewöhnliche Geschichte vom Stade Malien erzählt. Der Verein wurde 1960 von katholischen Missionaren gegründet. Der Club war aber von Anfang offen für Muslime und Christen. Zahlreiche nationale Meisterschaften wurden errungen. Die Pokale in den Vitrinen häuften sich. Doch seit dem Bestehen des Vereins hat Stade Malien noch nie eine afrikanische Trophäe mit nach Hause gebracht. Paul war bei der Hauptversammlung des Vereins zum Auftakt der neuen Saison im Jahre 2008 dabei. Paul erzählt begeistert seine Geschichte ...
Der Vereinspräsident und einflussreiche Mitglieder halten feurige Reden. Sie beklagen den Misserfolg der letzten Jahre. Plötzlich wendet sich der Redner an Paul. Alle wissen, dass er Christ ist. „Jetzt seid ihr an der Reihe“, sagt der Präsident. „Wir haben alles versucht. Imame haben für uns geschrien und gebetet. Wir haben Tiere geschlachtet und sie unseren Ahnen geopfert, doch ohne Erfolg. Was könnt ihr Christen tun?“
Paul hat das Prozedere bisher ruhig und mit verschränkten Armen auf seinem Stuhl sitzend verfolgt. Er steht auf. Er nimmt das Mikrophon und sagt: „Das, was wir tun können ist – beten. Vor jedem Spiel werde ich für den Erfolg unserer Mannschaft beten, in der Kabine und im Stadion.“ Die Leute applaudieren und sind einverstanden. Paul nimmt das Anliegen mit in seine Heimatgemeinde in Kouloubleni. Seine Idee ist, den Jugendchor der Gemeinde mit ins Stadion zu nehmen, um dort christliche Lieder zu singen und die Mannschaft zu unterstützen.  Paul erklärt: "Der Ältestenkreis zögerte zunächst, wegen der Sicherheit, die nicht gewährleistet ist. Doch schließlich gibt der Pastor grünes Licht."
Von nun an ist der Jugendchor bei jedem Heimspiel dabei. Aus Christen werden Ultras. Polizisten stehen Spalier und begleiten den Bus der Jugendlichen bis ins Stadion. Es wird öffentlich im Stadion gebetet mit dem Mikro des Stadionsprechers. Aus den Liederbüchern werden christliche Lieder gesungen. Ein Erfolg folgt dem anderen. Sowohl in der nationalen Liga als auch in der afrikanischen Clubmeisterschaft fahren die Stadisten einen Sieg nach dem anderen ein. Und plötzlich … Stade Malien steht im Finale – zum ersten Mal. Der Gegner ist eine ägyptische Mannschaft aus Kairo.
Am Ende der 90 Minuten steht es unentschieden. Auch die Verlängerung bringt keine Entscheidung. Es kommt zum Elfmeterschießen. Ein Marathon bahnt sich an. Die Entscheidung will einfach nicht fallen. Es steht 13 zu 13. Der Ägypter nimmt sich den Ball und schießt am Pfosten vorbei. Wenn die Malier jetzt treffen, gehen sie als Sieger vom Platz.
Während der entscheidenden Momente singt der Chor. Er schreit und skandiert: « Duba ta a ye, duba ta a ye. » (Gott segne ihn, Gott segne ihn). Der malische Spieler schnappt sich den Ball. Er geht zum Elfmeterpunkt. Er läuft an und versenkt den Ball im Netz. Das Stadion tobt. Alle Blicke richten sich auf die singenden Christen. « Ihr Christen habt uns den Pokal geholt », so schreien die Leute.
Gott ist kein Fußballgott. Aber diese Geschichte zeigt, wie die Religion ganz selbstverständlich das Leben der Malier beeinflusst. Kein Mensch würde auf die Idee kommen zu sagen: „Religion hat nichts auf dem Fußballplatz zu suchen. Die gehört nur in die Moscheen und Kirchen".
In Mali leben nur 3-4 % Christen. Alle anderen sind Muslime und Animisten. Wie Religion ins Leben gebracht werden kann, davon verstehen Malier eine ganze Menge.
Kurze Zeit später erscheint eine Delegation des Vereins im Gottesdienst. Der Präsident bedankt sich persönlich beim Pastor und dem Jugendchor für die Unterstützung. Die Geschichte von Paul ist eine ungewöhnliche sportmissionarische Episode.
Wir haben uns gewundert und herzlich gelacht. Paul erzählt seine Geschichte, als ob sie erst gestern passiert wäre: Kabako don. Je te dis: c'était quelque chose! (Ein Wunder. Ich sage dir: Das war was!)
Nie hätte ich gedacht, dass die Gemeinde Kouloubleni, die wir vor vielen Jahren gegründet haben, auf diese Weise Sportgeschichte schreiben würde.

Afrikanische Jugend | wir brauchen Arbeit und Bildung

Seit dem 16. September diskutieren über 300 Jugendliche aus ganz Afrika in Bamako gemeinsam mit Politikern über ihre Situation. Die jungen Leute sind aus Südafrika, aus dem Tschad, aus Burkina Faso und aus Marokko angereist. Die Themen betreffen die hohe Arbeitslosigkeit unter Jugendlichen, Sicherheitsfragen und die terroristische Bedrohung. In Mali gibt es einen Nationalen Jugendrat, der solche Treffen organsiert und versucht, die Stimme der Jugend in die politische Debatte einzubringen.
„Die afrikanische Jugend macht 75 % der Gesamtbevölkerung Afrikas aus“, sagt Oscar Z. aus Burkina Faso, „Aber ohne Ausbildung und ohne Arbeit gibt es keine Zukunft. Und ohne Zukunftsperspektiven werden die Arbeitslosen früher oder später von radikal-terroristischen Bewegungen aufgesogen.“
Das Wort Arbeitslosigkeit ist nur der Deckmantel unter dem sich Kriminalität, Abhängigkeit und grenzübergreifender Drogenhandel verbergen. Die Ursache liegt in der mangelnden Bildung der jungen Generation. Es ist die Aufgabe der Regierungen, diese sicherzustellen. Mahamat D. K. aus dem Tschad bringt es in Anwesenheit des malischen Staatspräsidenten IBK mutig auf den Punkt: « Das woran wir als erstes denken müssen, ist die Erziehung und die Ausbildung der Jugend. Statt teure Autos zu kaufen, wäre es besser in die junge Generation zu investieren“.
Auch der Vorsitzende des malischen Jugendverbandes Mohamed Salia T. fand klare Worte: "Die Zeit, wo wir auf unsere historische Größe verweisen können, in die Zeit des Mittelalters, ist vorbei. Auch die Zeit der Reden und moralischen Appelle ist vorbei. Wir dürfen es auch nicht akzeptieren, dass unsere Geschichte von ausländischen Akteuren bestimmt wird. Das ist mehr als eine höfliche Rede. Es ist ein Aufruf. Die afrikanische Jugend ist sich ihrer Möglichkeiten bewusst und der Macht, die sie in der Gesellschaft besitzt trotz ihrer Unerfahrenheit. Sie kennt die Rolle, die ihr zukommt." Das war eine mutige Rede in der Gegenwart des Präsidenten und der politischen Elite, der man in diesen Tagen zu Recht Vetternwirtschaft, Perspektiv- und Wirkungslosigkeit vorwirft. 
Unsere missionarische Arbeit muss die junge Generation berücksichtigen. Unser Bemühen um Ausbildungsangebote geht in diese Richtung. Durch Predigten, durch Seminarangebote im Bereich Gemeindearbeit und Sport, durch unser Engagement in Dorfschulen, durch theologische Ausbildung. Gegen mangelnde Bildung können wir einiges tun – aber wir brauchen auch Partner, die Arbeitsstellen schaffen, die zu wirtschaftlicher Eigenständigkeit verhelfen.

Montag, 15. September 2014

Sabalibougou | Pas à Pas - kleine Schritte auf dem Weg zu einem großen Ziel


In der Nacht hatte es stark geregnet. Die Straße nach Sabalibougou war entsprechend aufgeweicht und in schlechtem Zustand. Enoc hatte uns eingeladen, an einem Arbeitsgespräch wegen der Eröffnung des Schuljahres an der neuen christlichen Privatschule in Sabalibougou teilzunehmen. 



Christiane wird an der Schule, die den schönen Namen PAS A PAS (dt. Schritt für Schritt) trägt, das Fach Education civique und morale (ECM, dt. Sozialkunde und Ethik) unterrichten. Den Kindern aus dem ersten Schuljahr soll beigebracht werden, wie sie sich respekt- und verantwortungsvoll im menschlichen Miteinander verhalten können und welche Werte im Leben wichtig sind. Außerdem wird Christiane ein paar Verhaltensweisen in Sachen Gesundheit und Hygiene weitergeben.
Neben Pastor Enoc S., der die Schule auf eigene Initiative hin und in enger Absprache mit den Schulbehörden aufgebaut hat, waren Hesekiel S., der künftige Direktor der Schule, sowie Moussa S., ein erfahrener christlicher Lehrer, pädagogischer Ratgeber des Projekts und Direktor einer Schule in Bamako, mit von der Partie.


Gemeinsam besprachen wir den Stundenplan, die pädagogische Zielsetzung und organisatorische Dinge. Moussa gab hilfreiche Beispiele aus seiner eigenen Schulpraxis und wies auf wichtige staatliche Zielvorgaben hin, die es einzuhalten gilt. „Es kommt darauf an, dass die Leute uns beim Arbeiten antreffen und uns dann folgen“, fasst Moussa S. seine Einstellung zu dem Schulprojekt zusammen. „Das Wenige, was wir haben, setzen wir ein und gehen einen Schritt nach dem anderen, pas à pas eben“.


Es ist ein Anfang gemacht. Das Schulgebäude ist noch im Bau. Lediglich der erste Klassenraum ist fertiggestellt. Die Einschreibung der Schüler beginnt heute. Wir hoffen, dass es 30 Kinder werden, die ab 7. Oktober das erste Schuljahr besuchen werden. Einigen Schülern aus finanzschwachen Familien wollen wir ein Stipendium ermöglichen.

Christiane wird sich in den nächsten Wochen thematisch auf den Unterricht vorbereiten. Wir sind davon überzeugt, dass die Mitarbeit an der Schule ein wichtiger Bestandteil unseres missionarischen Zeugnisses im Dorf sein kann. Nicht nur die kleine christliche Gemeinde, sondern auch der muslimische Bürgermeister des Dorfes stehen hinter dem Projekt. Wir sind gespannt, was sich hier entwickeln wird.

Freitag, 12. September 2014

Segou | Mobilisation für die theologische Ausbildung vor einer genialen Kulisse

Ein geniales Treffen mit 1.500 Jugendlichen in Ségou liegt hinter uns. Veranstalter war die Eglise Ev. Protestante au Mali, einem der älteren malischen Gemeindebünde, mit dem wir seit Jahren eine gute Zusammenarbeit pflegen. Die 8 Stunden lange Reise hin und zurück hat sich gelohnt. Die Straße nach Ségou ist im Bau. Größtenteils ist die Strecke in einem sehr guten Zustand, teilweise geht es aber über holprige Nebenstrecken. Die schütteln uns durch und kosten viel Zeit. Gemeinsam mit Mamadou N. dem Studienleiter der FATMES (theolog. Ausbildungsstätte in Bamako) waren wir unterwegs. Wir haben die Gelegenheit genutzt, den Jugendlichen die FATMES vorzustellen. Mamadou hat das aktuelle Studienprogramm präsentiert. Alfred hat motiviert und einen kurzen Überblick über die Entstehungsgeschichte gegeben. Das Thema der Konferenz lautete: Die Ernte ist groß, aber der Arbeiter sind wenige. – Angesichts dieser Herausforderung war es einfach, auf die Notwendigkeit der theologischen Ausbildung für den pastoralen und missionarischen Dienst hinzuweisen.
Wenn man sich vorstellt, dass es noch vor wenigen Monaten verboten war, wegen der angespannten Sicherheitslage öffentliche Veranstaltungen durchzuführen, dann grenzt dieses große Treffen schon an ein Wunder. Sogar der Innenminister war zur Eröffnung da. Im Hintergrund saßen ein paar Polizisten – für alle Fälle. Der Veranstaltungsort war der Innenhof eines Gymnasiums, der mit Stühlen, Matten und Schulbänken ausgestattet und zur Hälfte mit Zeltplanen überdeckt war. Eine wuselige, lebendige Atmosphäre. Gute, deftige malische Musik. Klasse.


Wir sind Gott dankbar für die Freiheit und die Möglichkeiten, die wir zurzeit haben. Wir beten dafür, dass die malischen Gemeinden und vor allem die junge Generation die Zeichen der Zeit erkennen und sich für die Sache des Reiches Gottes begeistern lassen und sich ins Zeug legen.
Wir haben eine ganze Reihe von Pastoren getroffen, die Alfred an der Bibelschule in Bougouni im Laufe der 1990er Jahre ausgebildet hat. Sie haben fast alle leitende Positionen in ihren Gemeinden – in Gemeindedistrikten, als Bibelschullehrer, in der Medienarbeit. Beim mittäglichen 3-Gänge-Menü haben wir gemeinsam mit Händen aus Schüsseln gegessen, Anekdoten ausgetauscht und viel gelacht.

Mamadou N. ist ein sehr aufmerksamer und konstruktiver Gesprächspartner. Wir haben auf der Rückfahrt über alle möglichen Themen geplaudert - über den sich vollziehenden Generationswechsel in den malischen Gemeinden gesprochen, über die Herausforderung, noch mehr Ausbildungsangebote für ehrenamtliche Mitarbeiter zu schaffen, über den Paradigmenwechsel in den Gemeinden hin zu einem holistischen Ansatz, weg von der Pastorenzentrierung hin zu einem kollektiven Leitungsverständnis usw. Wir haben viele Denkanstöße mitgenommen und haben uns ein wenig updaten lassen, was die aktuelle Situation in den christlichen Kreisen angeht.
Wir waren an diesem Tag von morgens 7 Uhr bis abends 22 Uhr unterwegs. Ziemlich müde sind wir zu Hause gelandet. Aber es war ein Tag voller Eindrücke, Ermutigungen und vielen Begegnungen. 

Donnerstag, 11. September 2014

Sabalibougou | erster Frauentreff eine ermutigende Erfahrung


Es war eine Premiere. Der erste Frauentreff in Sabalibougou. Neben dem sonntäglichen Gottesdienst gibt es bisher kein weiteres Programmangebot in der noch jungen und kleinen Gemeindeaufbauarbeit. Auch einen Leitungskreis gibt es nicht. Wir haben uns gemeinsam auf den Weg gemacht.  Mit einer dreißigminütigen Verspätung beginnt das Treffen. Doch wir sind überrascht. Sieben von insgesamt zehn Frauen, die letzten Sonntag im Gottesdienst waren, sind gekommen. Thema des heutigen Treffens ist die Geschichte aus Lukas 1 von Zacharias und Elisabeth und der Ankündigung der Geburt Johannes des Täufers.
Die Frauen können die Zweifel von Elisabeth und Zacharias verstehen, aber auch ihre Freude als Elisabeth wirklich schwanger wird. Gerade im hiesigen Kontext spielen Geburten für die Frau eine wichtige Rolle, besonders für ihr Selbstbewusstsein und für ihre Stellung in Familie und Gesellschaft. Die überraschende Erfahrung, die Elisabeth gemacht hat, hat sie ermutigt, sich auf den Weg zu machen, und ihrer Verwandten Maria die Nachricht zu überbringen – ein gutes Beispiel wie Evangelisation umgesetzt werden kann.
Für mich war es eine ermutigende Erfahrung. Mit dem Bambara hat es ganz gut geklappt und ich freue mich auf die nächsten Treffen.

Alfred ist während der Zeit im Dorf herumgelaufen und hat sich mit den Leuten unterhalten und Kontakte geknüpft.


Unterwegs in Bamako und nach Sabalibougou

LKW - einfach quergestellt
Motorradfahrer - immer mittendurch
Straßenobst - einfach an die Seite fahren, Fenster runterkurbeln und kaufen.
Auffahrt zur neuen Brücke über den Niger
wenig Verkehr - bis zu 120 km/h möglich. Überholspur meist links
Richtung Sabalibougou - noch sind die Straßen optimal
Typische Straßenverhältnisse während der Regenzeit
Immer zügig fahren und nicht hängen bleiben
Afrikaturm an einem Verkehrsknotenpunkt im Westen der Stadt
Nicht nur selber auf die Verkehrsregeln achten, sondern auch darauf, wie die anderen sie auslegen.
Die großen Achsen sind alle vierspurig - zum Glück. Motorradfahrer gibt es überall, hinter dir, vor dir, neben dir. Sie überholen rechts und links,  gerade da, wo Platz ist.

Sportmission | Ideen gehören in den Staub

Wir mussten uns beeilen. Wegen der löchrigen Straßen in Sabalibougou und dem dichten Verkehrsaufkommen in der Stadt kamen wir etwas spät zu unserem Treffen mit den Verantwortlichen der sportmissionarischen Organisation EPHRATA.
Der Empfang war herzlich. Wir kennen die Leute von den Einsätzen der letzten Jahre. Die Büroräume von EPHRATA befinden sich im dritten Stock. Tische mit Computern, Plakate und Hinweise auf Seminare in Südafrika, Tonnen und Kisten mit Sportgeräten und ein riesiges Banner vom letzten KIDSGAMES-Festival in einem Dorf im Süden Malis fallen uns ins Auge. Der Vorsitzende Gabriel G. leitet EPHRATA seit fast 10 Jahren. Es ist eine malische Initiative, die sich an den auf internationaler Ebene üblichen sportmissionarischen Strategien orientiert und versucht, diese im Sinne eines holistischen Ansatzes auf malische Umstände herunter zu brechen. Sport, Ausbildung, Landwirtschaft, Unterstützung beim Aufbau von Gemeinden und Belebung der gemeindlichen Jugendarbeit – das sind die Bereiche, die EPHRATA auf dem Schirm hat. Wir stellen während des über zweistündigen Austauschs fest, dass viele dieser Ideen in den Köpfen und „auf dem Papier“ existieren, eingerahmt von für Mission-Statements üblichen Phrasen. Papier ist sehr geduldig. In der Praxis werden diese Strategien jedoch bisher kaum oder nur punktuell umgesetzt. Worin liegt der Grund? Die Mitarbeiter tun ihre Arbeit ehrenamtlich. Es fehlen der Blick und die Zeit für nachhaltiges Arbeiten. Initiativen werden gestartet, aber der permanente Kontakt zu den Jugendlichen und Kindern in den Dörfern und Stadtvierteln lässt zu wünschen übrig. Ein Beispiel ist der Volleyball-Workshop Ende 2013. Wir haben mit unserem Team auf Wunsch von EPHRATA Jugendliche aus vier Gemeinden geschult und Material übergeben. Das Ziel von EPHRATA war/ist es, in den Stadtvierteln Volleyballteams aufzubauen. Doch diese Ziele sind aus unterschiedlichen Gründen bisher nicht umgesetzt worden. Keinen geeigneten Platz gefunden. Einer der motiviertesten Mitarbeiter ist gerade zu einer Fortbildung im Senegal. Und die anderen? Sie werden zu wenig ermutigt. Die Leute in den Departements von EPHRATA machen sich selber nicht auf den Weg, um vor Ort Dinge umzusetzen.
Wir werden gebeten, unsere Vorstellungen und Ideen vorzustellen. Unser Wunsch ist es, EPHRATA für eine nachhaltige sportmissionarische Arbeit an der Basis, im Staub der Sportplätze zu gewinnen und dabei die Jugendlichen aus den Gemeinden der Umgebung einzubeziehen.
Gabriel greift unsere Ideen positiv auf. Er schlägt vor, ein eigenes Projekt in einem Stadtviertel Bamakos zu starten, das auch dazu beiträgt, die Ziele von EPHRATA zu verwirklichen. Das klingt gut. Es kommt unserem Wunsch, EPHRATA einzubeziehen entgegen und es gibt uns andererseits genügend Freiheit, vor Ort mit konkreten Aktionen zu starten, gemeinsam mit den jungen Sportlern vor Ort.

EPHRATA wird bis Mitte Oktober noch ein, zwei Mitarbeiter benennen, die unser Projektteam verstärken. Des Weiteren sind wir im Kontakt mit einer Ortsgemeinde in unserer Nähe. Wir haben überlegt, welchen Namen wir dem Kind geben könnten. POUSSIÈRE (dt. Staub) ist bisher nur ein Arbeitstitel, der uns in den Sinn kam. Er drückt aber aus, worum es uns geht. Zu den Leuten zu gehen, da, wo sie sind; verschwitze Hände schütteln; mit dem Staub des Sportplatzes in Berührung kommen …

Unser Ziel ist es, den Kontakt zu den Jugendlichen in Sanfil aufzufrischen. Es ist das Stadtviertel, wo wir Ende 2013 einen sportmissionarischen Einsatz durchgeführt haben und der auf ein großes Echo gestoßen ist.
Unsere Ideen: ein Fußballturnier im November oder Dezember durchführen, junge Fußballer zu einem Fest einladen, ins Gespräch kommen, vielleicht ein Fußballspiel im Stadion besuchen …
Unsere Hoffnung: ein junger Sportmissionar aus Deutschland verstärkt unser Team und startet eine langfristige Arbeit in Mali, einen malischen Fußballtrainer finden, der Trainingseinheiten anbietet und wir dabei die Möglichkeit haben, Gute Nachricht und Werte fürs Leben zu vermitteln.
Darüber hinaus wollen wir uns mit den Leuten von EPHRATA und der FATMES (theolog. Ausbildungsstätte in Bamako, wo Alfred unterrichtet) zusammensetzen und ein Aus- und Fortbildungsangebot für sportmissionarisch engagierte Malier schaffen. Konkret: 2015 wollen wir gemeindsam mit EPHRATA und der FATMES zunächst mit einem Seminar starten. Später soll ein Zertifikatsangebot dazukommen.

Es gibt Perspektiven. An Visionen und Strategien mangelt es nicht – doch die alleine verändern nicht die Welt. Es kommt immer noch entscheidend auf den direkten Kontakt mit Menschen an, auf konkrete Begegnungen. Konzepte und Worte sind nur dann etwas wert, wenn sie auch mit Leben gefüllt werden. 

Dienstag, 9. September 2014

Compassion International | mit Leidenschaft gegen Kinderarmut



Gemeinsam in der Kraft Jesu Kinder aus der Armut befreien – das ist das ambitionierte Motto von Compassion International. 25 Leiter der Ev. Allianz in Mali und aus verschiedenen Organisationen und Gemeindeverbänden trafen sich heute zu einer Fortbildung in Bamako-Nyamakoro. Mamadou N., der Studienleiter der FATMES (Fachschule für ev. Theologie und Missionswissenschaft im Sahel, Bamako) hatte uns zu diesem Event eingeladen. Geleitet wurde das Seminar von Jonas Sawadogo. Er ist um die 40 Jahre alt, Leiter der Arbeit von Compassion International in Westafrika und kommt aus dem benachbarten Burkina Faso. In Westafrika gibt es bereits in Ghana, in Burkina und im Togo Ableger von Compassion International. Die anglophonen Länder Afrikas sind wie schon so oft seit längerem im Rennen. Jonas stellt die Arbeit kurz vor, nennt einige Eckpunkte der geschichtlichen Entstehung, die Ziele, die Arbeitsweise und bereits realisierte Projekte.
Zwei Kollegen von der FATMES halten ebenfalls Vorträge zum Thema. Dr. Mamadou N. spricht über biblische Grundlagen sowie die Rolle der Kinder in der missionarischen Arbeit. Dr. Mohamed Ibrahim Y. beleuchtet die Rolle der Eltern, der Gemeinde und der Gesellschaft im Erziehungsprozess der Kinder und nennt biblische Inhalte, die Kindern vermittelt werden sollen. In Mali gibt es die klassische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen im Rahmen einer Sonntagschule und der Chorarbeit innerhalb der Gemeinde. Der ganzheitliche Ansatz und die Strategie einer offenen, für die Gesellschaft wahrnehmbaren Kinder- und Jugendarbeit wird generell vernachlässigt. Einerseits ist der ganzheitlich integrale Ansatz in der Mission, zumindest was die theologische Debatte angeht, hier in Mali ganz selbstverständlich und muss nicht erst – wie in einigen Kreisen in Deutschland – kontrovers und langatmig diskutiert werden. Doch in der Praxis besteht Nachholbedarf: Kinder neben der geistlichen Seite (Sonntagschule, Kinderevangelisation usw.) auch medizinisch, pädagogisch und materiell zu versorgen - das überlässt man in der Regel gerne dem Staat oder den internationalen Organisationen, die darin spezialisiert und entsprechend finanziell ausgestattet sind. Wer sich jedoch in den genannten Bereichen auf den Staat verlässt, der kann lange warten. Die betroffenen Kinder bleiben auf der Strecke. Deshalb ist die Gemeinde Jesu gefragt. Und sie sucht sich Partner, die ihr helfen. Von daher sind Organisationen wie Compassion International auch in Mali herzlich willkommen.

Mamadou N. brachte die Notwendigkeit des verstärkten Engagements der Gemeinde in seinem Vortrag wie folgt auf den Punkt: "Gottes Heiligkeit gebietet es, sich umfassend und mit leidenschaftlicher Empathie für die Bedürfnisse der Menschen einzusetzen. Das gilt besonders für die Kinder, die von Armut betroffen sind. Kinder, die Tag und Nacht auf der Straße leben und von ihren Familien vernachlässigt werden.  Kinder, für die sich keiner einsetzt und die ihre Recht nicht kennen. Kinder, die wegen finanzieller Engpässe nicht in die Schule gehen können. Kinder, die misshandelt und wirtschaftlich in privaten Höfen oder auf Plantagen in der benachbarten Elfenbeinküste ausgebeutet werden. Sie werden oft als Objekte behandelt. Doch Gottes Ziel ist es, dass Menschen im Sinne der Ebenbildlichkeit Gottes und des befreienden Heils in Jesus Christus ihr Leben genießen und gestalten können und die Fülle des Lebens erleben."
Am Nachmittag wurde das Gehörte in Arbeitsgruppen vertieft und praktische Ideen zusammengetragen. 
Wir nehmen Einiges mit und lernen dazu und versuchen zu reflektieren. Besonders für die Arbeit mit Kindern in der christlichen Schule in Sabalibougou (Nähe Bamako), die im Oktober ihre Tore öffnet und mit dem ersten Schuljahr startet, haben wir wichtige Impulse mitgenommen.
Wir waren die einzigen Weißen unter den Seminarteilnehmern – pas de problème. Es war für uns eine tolle Gelegenheit, alte Bekannte wiederzusehen und neue Menschen kennenzulernen. Das Seminar wird am Donnerstag fortgesetzt. Dann werden auch die Mitarbeiter aus den Gemeinden dazukommen.