Mittwoch, 21. Mai 2014

Mali | Spannungen in Kidal

Vor einigen Tagen hat die militärische Fraktion der von Tuareg domminierten MNLA (Bewegung für die Befreiung des Azawad) einen Anschlag auf den Sitz des Gouverneurs in Kidal verübt. Kidal ist die nördlichste malische Region. Sie befindet sich im Wüstengebiet südlich der algerischen Grenze und liegt über 1.000 km von der Hauptstadt Bamako entfernt. Die malische Armee hat eingegriffen. Es soll über 30 Tote gegeben haben. Nachdem die malische Armee die Stellungen der MNLA besetzt habe, sollen Beamte und Mitarbeiter aus der Verwaltung entführt worden sein. Das alles geschah kurz vor und während des Besuchs des malischen Ministerpräsidenten in der Region. Die Berichterstattung ist nicht ganz eindeutig. Manche werfen dem Ministerpräsidenten sogar Leichtsinnigkeit auf seiner "Friedensmission in den Norden" vor. Diesmal waren es also offenbar keine religiös ideologischen, sondern politisch motivierte Attacken.  Es kann allerdings nicht ausgeschlossen werden, dass radikal islamistische Elemente die ungeklärte Situation für ihre Zwecke nutzen und sich unter die Kämpfer der Tuareg mischen. Die Tuareg kämpfen im Norden Malis für eine autonome Region. Dies lehnt die Zentralregierung in Bamako allerdings vehement ab. Von Kriegserklärung war auf beiden Seiten die Rede. Am Montag sickerte die Meldung durch, dass die Gefangenen frei gekommen sind. Das war ein Zeichen der Entspannung. Heute sind die Kämpfe wieder aufgeflammt. Die Bevölkerung wurde gebeten, die Stadt zu verlassen. Malische Soldaten sind im Häuserkampf und begleitet von Panzereinheiten dabei, die Stellungen der MNLA zu durchbrechen und die Stadt wieder unter ihre Kontrolle zu bringen, was sich als sehr schwierig erweist. Die Sprecher der MNLA unterstreichen, dass der Versuch, einige Städte im Norden Malis unter ihre Kontrolle zu bringen, ein Zeichen der militärischen Einsatzbereitschaft sei. Beobachter vermuten, dass die Militäraktionen die Position der Tuareg bei den künftigen Verhandlungen mit der malischen Zentralregierung in Bamako stärken soll.
Die Situation im Norden Malis bleibt angespannt. Wir beten, dass die Waffen schweigen und die Verantwortlichen am runden Tisch ihre Konflikte austragen. Unterdessen hat es in der malischen Hauptstadt Bamako Demonstrationen gegen die französische und internationale Schutzmacht (MINUSMA) gegeben. Man wirft ihr Verzögerungstaktik, Passivität und eine nicht eindeutige Position in der Tuaregfrage vor. Die Lage erscheint für Außenstehende relativ kompliziert. Die Interessen der am Konflikt Beteiligten sind sehr unterschiedlich und es fehlt an einer eindeutigen erfolgsversprechenden Strategie, wie der Konflikt beigelegt werden soll. 

Bildnachweis: http://www.rfi.fr/afrique/2min/20140521-nouveaux-affrontements-kidal-entre-soldats-maliens-groupes-armes-mali/ 
http://www.rfi.fr/afrique/20140522-mali-nord-kidal-mnla-armee-malienne-violence-menaka/ 

Dienstag, 20. Mai 2014

Jubiläum der Allianz Mission | "Das war ein "Tag mit Goldrand"! Einfach super!"

 ... so schrieb uns eine Teilnehmerin als Reaktion auf die gelungene Gala zum 125-jährigen Jubiläum der Allianz Mission in der Wetzlarer Rittal-Arena am 18. Mai 2014. Gott ist ganz groß herausgekommen - weil er einfach groß ist. Lieder und gute Musik, professionnelle Regie im Hintergrund und charmante Moderatoren auf der Bühne, Predigten aus unterschiedlichen Kulturkreisen, informative und emotionale Berichte, aufschlussreiche Interviews, humorvolles Theater  und vieles mehr prägten das abwechslungsreiche Programm der beiden Veranstaltungen am Vor- und Nachmittag. In seinem vielbeachteten Grußwort unterstrich der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier die Bedeutung des weltweiten christlichen Engagements und würdigte die langjährige Arbeit der Allianz Mission. Vor und zwischen den Veranstaltungen gab es viele Begegnungen am Rande und an den Ständen auf dem "Markt der Möglichkeiten". Wir haben uns über viele bekannte Gesichter gefreut.
Das Event war von langer Hand vorbereitet worden. Und das haben die ca. 4.000 Teilnehmer auch gespürt. Die enge Verbindung zwischen Allianz Mission und den Gemeinden des Bundes Freier ev. Gemeinden wurde deutlich. Viele Gemeinden ließen ihre Gottesdienste zu Hause ausfallen und sind nach Wetzlar gekommen. Alle Programmpunkte waren mit Liebe und einer kreativen Idee versehen. Es hat einen Riesenspaß gemacht. Das Fest war laut und leise, humorvoll und ernsthaft zugleich. Das Fest hat das gespiegelt, was die Allianz Mission ausmacht: viel kreatives Engagement, Vielfalt der Personen und Aktionsbereiche, internationales Flair, partnerschaftliche Atmosphäre. Wir kennen die Allianz Mission seit 1985. Und wir wissen, dass da auch nur Menschen am Werk sind, die ihre Begrenzungen haben und Fehler machen. Aber es sind Menschen, die viel Herz zeigen und denen wir vertrauen können. Das ist ein wichtiger Punkt für jeden Missionar, der Deutschland verlässt und irgendwo auf der Welt seiner Arbeit nachgeht.
125 Jahre Allianz Mission - da kommt einiges zusammen an Erinnerungen und glorreichen Geschichten von Menschen, die durch das Evangelium verändert wurden, von Gemeinden, die gegründet wurden und ihre Umgebung positiv geprägt haben, Geschichten des sozialen Engagements gegen Ungerechtigkeit, gegen Armut und für ein würdevolles Leben. Es sind auch Geschichten des Leids, der Verfolgung, des Versagens, der Ohmacht und Begrenzung. Es sind alles Geschichten, die zeigen, was es konkret bedeutet, mit unserem großen Gott weltweit unterwegs zu sein.
Die malischen Gäste, die wir während der vergangenen Tage begleitet haben, waren ebenfalls begeistert. Auch während des Interviews auf der Bühne vor Tausenden von Leuten sind sie cool geblieben und haben das weitergegeben, was ihnen wichtig war zur politischen Situation in Mali und zur Entwicklung der diakonischen und missionarischen Arbeit in ihren Gemeinden. Zwischendurch haben wir viel gelacht, malischen Humor aufgefrischt sowie Erinnerungen und Zukunftsperspektiven ausgetauscht. Es war gut für die Malier, dass sie die Gemeinden kennengelernt haben, die hinter der Allianz Mission stehen. Es war wichtig, für ein paar Tage in die deutsche Kultur einzutauchen, um ein wenig zu verstehen, wie Deutsche so sind. So hatten sie auch die Möglichkeit, die Missionare, die zu ihnen kommen, besser zu verstehen. Für uns alle war dieses Fest Ausdruck der Freude und des Staunens über Gottes Wirken, eine Möglichkeit der Begegnung und der Horizonterweiterung. Gott sei die Ehre dafür.



Und hier gibt es jede Menge Bilder: http://www.allianzmission.org/galerie.html

Donnerstag, 15. Mai 2014

So würde ich Mission definieren

Mission - mit Gott unterwegs in der Welt.

Mit diesem Motto lässt sich gut zusammenfassen, was Mission aus biblischer Perspektive bedeutet.

Mission impliziert zielorientierte Beweglichkeit. Mission setzt voraus, dass der Gesandte um die Autorität des Senders und die Bedeutsamkeit der zu erledigenden Aufgabe weiß.

Mission geht von Gott aus. Gott steht nicht nur hinter dem missionarischen Anliegen seiner Kirche. Er selbst ist missionarisch unterwegs - mit und ohne seine Kirche. Von Gott berufene und gesandte Menschen nehmen an Gottes Mission in dieser Welt teil. Dazu gehören seit Beginn der Menschheitsgeschichte Kulturschaffende, Patriarchen und Stammesfürsten, Könige und Propheten, Apostel, die Gemeinde, Christen als Zeugen in ihrer Umgebung und Missionare im interkulturellen Dienst. Missionare sind mit Gott unterwegs in dieser Welt, in ihrer Nachbarschaft, in ihrem eigenen Kulturraum und grenzüberschreitend an den Rändern der Gesellschaft, in den Brennpunkten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens, in den Räumen fremder Kulturen - vor Ort und weltweit.

Ziel aller missionarischen Unternehmungen ist es ...

  • Gottes Spuren in der Welt zu entdecken und ihm dorthin zu folgen, wo er schon unterwegs ist
  • Gott zu ehren und Menschen zu begegnen,
  • Evangelium zu verkündigen, Jesus Christus vorzustellen und in die Gemeinschaft mit ihm einzuladen,
  • Gemeinden zu bauen, sie zu festigen und sie für ihre missionarische Verantwortung in Gottes Welt zu motivieren und vorzubereiten,
  • auf der Grundlage biblischer Werte die Gesellschaft zu gestalten als lebenswürdigen Raum menschlicher Gemeinschaft.
 Weitere Infos zu theologischen Aufsätzen und Hintergrundinfos zu meiner Person finden sich hier: http://malicam.jimdo.com/

Mittwoch, 14. Mai 2014

Wieso wir Gott Gott nennen - Anmerkungen zur Entwicklung des Gottesbegriffs


Ganz selbstverständlich benutzen Christen den Begriff „Gott“. Auch Menschen, die wenig persönliche Beziehung zum Christentum haben, rutscht das Wort „Gott“ manchmal über die Lippen. Sie sagen: Ach, du mein lieber Gott; Gott sei Dank; Grüß Gott usw. Und in Notsituationen kann „nur noch der liebe Gott helfen“. Obwohl wir Gott ansprechen und beim Namen nennen, können wir dennoch nicht erklären, wer er ist und woher er letztlich kommt. Die Herkunft des Begriffs Gott und seine Synonyme im nichtdeutschen Sprachraum lassen sich, wenn auch nur fragmentarisch, nachvollziehen.  Doch Gott selbst ist und bleibt letztlich ein großes Geheimnis und eine große Herausforderung an unseren Glauben. Unsere Gebete und Lieder, unser Klagen und Bitten, unser Schreien – all das „werfen wir nach oben“, weil wir glauben, dass es „Gott“ gibt, dass er damit was anfangen kann, dass er uns hört und darauf reagiert. Gott – dieses Wort lässt in uns die Vorstellung von einem souveränen, allmächtigen Wesen entstehen und entfacht die große Sehnsucht und Bewegung nach oben. Wir nennen Gott beim Namen und denken dabei an den Ursprung der Schöpfung und des gesamten Universums, den kreativen Denker, der sich Natur-und Sittengesetze ausdenkt, den Gott, der auch unser Leben irgendwie überschaut und im Griff hat.

Woher stammt eigentlich der Begriff Gott? 
Die Herkunft des im Deutschen gebräuchlichen Wortes Gott lässt sich relativ genau nachvollziehen. Im indogermanischen Sprachgebrauch, der für den germanischen und anglophonen Kulturraum prägend wurde, hat der Begriff Gott eine lange Sprachgeschichte hinter sich. Im Indogermanischen gibt es das Partizip ghuto-m[1]. Dieses Wort entstammt der Wortwurzel gheu mit zwei Bedeutungen: anrufen und gießen. Ghuto ist das übergeordnete Wesen, das der Mensch anruft und dem er ein Trankopfer darbringt (im Sinne von: über einen Altar ausgießen bzw. ein Trankopfer genießen[2]. 

Wie kommt es, dass wir heute den Begriff Gott benutzen? 
Im Zuge der arianischen Mission unter den Goten (Wulfila, 311-383) ist der Begriff als Substantiv zunächst in den osteuropäischen und später in den zentraleuropäischen Kulturraum (Franken) vorgedrungen[3]. Aus dem alten indischen Wort ist das gotische guda, das englische god, das schwedische gud, das altdeutsche got und der heute gebräuchliche Begriff Gott entstanden. 

Woher stammt der im Neuen Testament gebräuchliche Gottesbegriff theos? 
In der griech. Sprache wird das Wort theos benutzt. Da das NT in Griechisch verfasst wurde, sind das Wort theos und sein Verständnis von besonderer Bedeutung. Die Herkunft des Wortes ist jedoch relativ schwer nachzuvollziehen[4]. Es liegt dennoch nahe, den Begriff theos in Verbindung mit dem Wort thyein (opfern) zu sehen. Eine andere etymologische Spur führt zum Wortstamm theo (rennen, laufen). Im Zusammenhang mit der Religion wird hier die nach oben gerichtete spirituelle Sehnsucht der Menschen zum Ausdruck gebracht: der Mensch, der zum Altar rennt, um ein Opfer zu bringen (realistisch) oder das Opfer selbst, das das unsichtbare Wesen erreicht (symbolisch). Vorstellbar ist auch, an den Opferrauch zu denken, der sich seinen Weg nach oben in die Atmosphäre zu Gott bahnt.
Das indogermanische Wort dheso oder deiwos (das den Göttern Zugewandte) könnte auch bei der Bildung des griech. Wortes theos Pate gestanden haben. Im europäischen Kulturraum gibt es im Urgermanischen den Begriff teiwaz (Himmelsgott; vgl. Ähnlichkeit mit dem griech. Zeus)[5].
Die Verbindung zwischen Indien und Griechenland würde Sinn machen, da die  Entstehung der klassischen Philosophie der griech. Antike und die indisch-asiatische Religionsgeschichte zeitlich eng zusammen liegen und sich auch inhaltliche Parallelen nachweisen lassen.

Fazit: 
Sowohl im zentraleuropäischen als auch im griechischen Kulturraum der Antike gehen die für Gott verwendeten Begriffe auf einen heidnischen Ursprung zurück. Er entstammt aus der religiösen Praxis, wo dem höchsten Wesen Opfer dargebracht und Respekt gezollt werden. Der Gottesbegriff ist gewissermaßen aus „Schall und Rauch“ entstanden, aus der Anrufung eines höheren Wesens und dem Opfer, das man ihm in Form von Getränken und Brandopfer dargebracht hat. Der Begriff, den wir verwenden, ist aber letztlich nicht entscheidend, sondern wie wir ihn füllen.

Paulus und die anderen neutestamentlichen Autoren haben ganz selbstverständlich das gebräuchliche Wort für Gott theos benutzt und ihn im Sinne der jüdisch-christlichen Tradition gefüllt. Wenn Christen das Wort theos in den Mund nahmen, dann verwiesen sie damit auf den biblischen Schöpfergott, den Herrn der Welt, den Bundesgott Israels und auf den Vater Jesu Christi.
Gott ist viel mehr als die Bezeichnung, die wir benutzen, um ihn anzurufen. Gottes Souveränität erlaubt es sogar, heidnische Ursprünge bei der Bildung des Gottesbegriffs in Kauf zu nehmen. Sichergestellt werden muss allerdings, dass der Interpretation im biblischen Sinne nichts im Wege steht.  
Die Spurensuche nach dem Gottesbegriff ist nicht nur spannend. Sie ist auch beispielhaft dafür, wie in der missionarischen Arbeit die Bezeichnungen für „fremde Götter“ benutzt und umgedeutet werden können, ohne dass Gottes Macht und Größe darunter leidet. Dies war, wie wir gesehen haben, im germanischen Kontext und in der Theologiegeschichte Europas der Fall.
Bei der Volksgruppe der Dogon in Mali wird Gott Ama genannt. Dieser Begriff hat auch in die Bibelübersetzung der Dogon Eingang gefunden. Der Gottesname Ama (Hauptgott, Himmelsgott) wird hier benutzt, um den alleinigen Schöpfergott zu bezeichnen. Dieser Name hat ursprünglich einen animistischen Hintergrund. Ama unterscheidet sich von Nomo (Wassergott) und Lewe (Gott der Dinge auf der Erde), die jeweils eine eingeschränkte und untergeordnete Bedeutung haben[6].
In Kulturen, wo der Islam eine dominante Rolle spielt, wird in biblischen Texten auch der Gottesbegriff Allah verwendet. Auch in der Bibelübersetzung der malischen Ethnie der Bambara ist dieses Phänomen zu beobachten, wo der Begriff Allah den Vorzug erhält gegenüber den traditionellen, animistischen Bezeichnungen für Gott.
Beim Gebrauch solcher nichtbiblischer Gottesbezeichnungen ist jedoch immer darauf zu achten, dass sie den biblischen Vorstellungen und Eigenschaften Gottes nicht grundsätzlich widersprechen.


[1] Vgl. dazu den umfangreichen und aufschlussreichen Art.: GOTT in: Jacob Grimm u.  Wilhelm Grimm. 1854-1860.: Deutsches Wörterbuch. Leipzig: Hirzel, (woerterbuchnetz.de, Universität Trier). Allgemeine Informationen zu Herkunft und Gebrauch des Begriffes „Gott“ im indogermanischen Kulturraum finden sich u.a. bei Karl Helm. 1953. Altgermanische Religionsgeschichte, Bd. 2, Heidelberg: Winter, Heidelberg. 215 
[2] Vgl. dazu bei Wolfgang Meid. 1992. Germanische Religion im Zeugnis der Sprache. In Heinrich Beck (Hrsg.): Germanische Religionsgeschichte – Quellen und Quellenprobleme, Ergänzungsband 5 zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Berlin: De Gruyter.  494 
[3] Vgl. bei Karl Helm. 1953:36 
[4] Vgl. umfassend den Art. Theós, Kleinknecht. 1990. Theologisches Wörterbuch zum NT (G. Kittel Hrsg.), Bd. 3 (Studienausgabe), Stuttgart: Kohlhammer. 65-79. 95-123 
[5] Leopold von Schroeder. 1923. Arische Religion, Bd. 1, Leipzig.  568 
[6] Vgl. dazu http://www.necep.net/articles.php?id_soc=12&id_article=1 (24.4.14). Die Aussagen dieses Artikels beziehen sich auf renommierte Forschungen von Kulturantrhopologien wie die französischen Strukturalisten Marcel Griaule und Germaine Dieterlien