Dienstag, 31. Juli 2012

Malireise 2012 | Missionstheologie an der FATMES

Alfred und ich machen uns am Nachmittag auf nach Nyamakoro – zur FATMES. Die Fachhochschule für Theologie und Missiologie im Sahel wurde vom malischen Verein zur Förderung der theologischen Ausbildung 2001 gegründet. Von 2001 bis 2006 hat Alfred die Schule als Studienleiter geleitet. Das Gebäude, das wir betreten, ist erst 2011 fertiggestellt worden. Ich bin echt begeistert, vom Haus selbst und den netten Pflanzen im Hof. Das Gebäude bietet auf absehbare Zeit genug Raum und ist von der Architektur wirklich gut gelungen.
Alfred unterrichtet an diesem Nachmittag einen Einführungskurs in die Theologie der Mission. Die Studenten sind voll konzentriert bei der Sache und folgen gespannt Alfreds Ausführungen zum Thema „Mission – Mentalität der Grenzüberschreitung“ und in der zweiten Stunde „Biblische Grundlagen ganzheitlicher Mission“. Die Kursteilnehmer sind fasziniert von dem Gedanken, dass sich Mission wie ein roter Faden durch die ganze Bibel zieht. Gemeinsam diskutieren wir die praktischen Folgen, die sich aus dieser Perspektive ergeben. Ein Student merkt an: „Wenn wir diesen ganzheitlichen Ansatz in unseren Gemeinden wirklich ernst nehmen, dann müssten wir uns als Christen viel stärker in das öffentliche Leben einmischen, eigene Vorschläge machen, wie wir die sozialen und politischen Probleme des Landes lösen wollen – besonders jetzt in der Zeit der Krise. Aber uns fehlt die Sicht dafür und der Mut, uns zu Wort zu melden.“
Auf dem Rückweg zu unserem Quartier schalten wir das Radio ein. RFI (internationales franz. Radio) sendet ein Interview mit einer malischen Frauenrechtlerin. Sie äußert sich empört über die Terroristen im Norden ihres Landes. Vor ein paar Tagen ist ein Ehepaar gesteinigt worden. Ihnen wurde vorgeworfen, Kinder in die Welt gesetzt zu haben, obwohl sie offiziell nicht verheiratet waren. Sie bittet Frankreich und die Staaten der Welt Mali zu helfen.
Auf dem rechten Fahrbahnrand erhaschen unsere Augen ein stehen gebliebenes Taxi – ein Mercedes. Das linke Hinterrad fehlt. Vor uns läuft ein junger Mann dem Rad hinterher – mitten auf einer der meistbefahrenen Straßen Richtung Innenstadt. Mali bietet viel Kurioses.

Malireise 2012 | Theologische Ausbildung, Politik und Hungerhilfe

Nach unserem Frühstück versuchen wir den Tag zu organisieren. Einer meiner ehemaligen Kollegen an der FATMES, Tiowa Diarra, möchte uns treffen und stattet uns einen Besuch in unserem Quartier ab. Sehr schnell kommen wir ins Gespräch über die aktuelle Lage an der FATMES. Tiowa ist seit 2003 Lehrer für Altes Testament und bereitet gerade seine Doktorarbeit vor.
Wir sind glücklich, dass die FATMES schon 10 Jahre besteht. Die Direktion liegt in malischer Hand. Es waren die afrikanischen Dozenten, die trotz der Rückkehr einiger Missionare nach dem Staatsstreich, die Kontinuität der Arbeit gewährleistet haben.  Bis auf wenige Tage ist der Unterricht weiter gegangen. Die autonome Finanzierung des akademischen Betriebs funktioniert immer noch. Immer wieder schreiben sich neue Studierende in die verschiedenen Programme ein.
Was die politische Entwicklung angeht, so ist er guter Dinge und blickt optimistisch in die Zukunft.

Sehr aufschlussreich war auch das Treffen mit E., einem meiner ehemaligen Studenten an der FATMES, der zufällig hereinschneit und uns grüßt. Wir wollen wissen, wie es ihm, seiner Familie und der Gemeinde geht und wie sie die Krise bisher erlebt haben. „Die Tage unmittelbar nach dem Staatsstreich waren sehr angespannt. Keiner hat sich nach draußen gewagt. Viele Zivilisten sind im Kugelhagel der zerstrittenen Armeeeinheiten auf den Straßen Bamakos ums Leben gekommen“, erinnert sich E.. Die Eroberung des Nordens ging so schnell voran, dass wir schon Angst hatten, die Rebellen würden auch die Region Mopti erobern und dann bis nach Süden in die Hauptstadt Bamako vordringen. Die Armee war so schwach ...", so E. weiter. Er erklärt uns im Detail die Gründe für die Zurückhaltung der malischen Regierung, was die Militärintervention der CEDEAO (westafrikanische Union) angeht. Das Misstrauen gegenüber den Chefs der CEDEAO ist groß und man vermutet hinter ihrem Agieren eigene Interessen finanzieller und politischer Natur. Dennoch ist E. optimistisch. Er hofft, dass die neue Regierung die Situation stabilisieren und das Vertrauen der internationalen Staatengemeinschaft zurück gewinnen kann. „Der Dialog mit den Rebellen und Islamisten im Norden ist völlig aussichtslos. Wahrscheinlich ist eine Militäraktion zur Wiederherstellung der territorialen Einheit früher oder später die einzige Lösung“, so die Prognose von E. "Wie soll man mit Leuten verhandeln, die anderen ihre Ideen aufzwingen und die Infrastruktur, die mit viel Geld im Norden entstanden ist, in die Luft sprengen?, fragt E. empört.
Was unsere Gesprächspartner immer wieder betonen ist die neue Einheit unter den Christen – im Gebet und der solidarischen Haltung. Christen, die aus dem Norden fliehen mussten, werden versorgt. Man rückt zusammen und es zeigt sich, was der Glaube an Jesus wert ist. Die Hungerhilfe der Allianz-Mission ist auch in seiner Gemeinde angekommen. Die Leute sind sehr dankbar dafür. Nachbarn, auch Muslime, zeigen sich beeindruckt von der christlichen Solidarität, die Grenzen überschreitet.
Menschen sind zum Glauben an Jesus gekommen. Ich hake etwas nach, um heraus zu finden, ob sich die Leute wegen der materiellen Hilfe bekehren oder weil sie wirklich etwas von der Liebe Gottes begriffen haben. E. antwortet ehrlich: „Es sei in einzelnen Fällen nicht ausgeschlossen, dass Leute Christen werden, um möglichst von der Hilfe zu profitieren, aber einige vertrauen ihr Leben Jesus an, weil sie von der Liebe der Christen beeindruckt sind. Viele Randsiedler der Gemeinde lassen sich plötzlich blicken und füllen die Bänke des Gemeindehauses, um sich ihren Anteil an Reis und Hirse abzuholen.“ Die Gemeinden versuchen jedoch alle, ob Christen oder Muslime, von der Hilfe profitieren zu lassen, damit nicht der Eindruck entsteht, dass der christliche Glaube mittels Reisrationen gewissermaßen käuflich sei. Es bleibt immer ein Balanceakt, wenn materielle Hilfe und evangelistische Ziele Hand in Hand gehen. Doch die Not ist so groß, dass es keine Alternative gibt. Familien leiden wirklich Hunger. Uns bleibt die Hoffnung und das Vertrauen, dass die Hinwendungen zu Jesus sich als nachhaltig echt erweisen und kein Strohfeuer bleiben.  

Malireise 2012 | Entwicklung der Gemeindearbeit und das Verhältnis zu den weißen Missionaren


Am Abend kommt Pastor Enoc Sagara zu Besuch. Mitten im Hof stehen ein paar bequeme Stühle. Wir setzen uns und kommen schnell ins Gespräch, fragen nach dem Ergehen unserer Kinder und Verwandten. Dabei lassen wir uns von einer vorbeihuschenden Ratte nicht stören. Wir erkundigen uns bei Enoc nach der Entwicklung der Gemeindearbeit. Zzt. gibt es in der UEPEM (malischer Gemeindebund: Union des Eglises Protestantes Evangéliques au Mali) 18 Pastoren, keine Missionare und über 30 Ortsgemeinden. Die Arbeit entwickelt sich weiter. Der Gemeindebund wurde 1992 gegründet und erhielt 2002 seine Selbständigkeit. 6 junge Leute sind an Bibelschulen und lassen sich für den künftigen Gemeinde- und Missionsdienst ausbilden. Im Gemeindebezirk Bamako gibt es genügend Perspektiven für weitere missionarische Gemeindegründungsarbeiten. Dankbar ist Enoc für die großartige Hungerhilfe aus Deutschland. Dies zeige die Solidarität und Verbundenheit der Allianz-Mission und der Gemeinden in Deutschland mit den malischen Geschwistern.“
Wir fragen, ob sich durch die massive Flucht der Missionare nach dem Staatsstreich das Klima zwischen malischen Gemeinden und Missionsgesellschaften verändert habe. „Nein“, antwortet Enoc, „die meisten haben durchaus Verständnis für die massive Ausreisewelle, weil weiße Missionare durch Rebellen und radikale Islamisten besonders gefährdet seien – vor allem in den nördlichen Landesteilen. Doch der einfache Malier habe eben keine Wahl und könne nur zwischen Leben und Tod wählen, wie bei der Geburt eines Kindes, wo es auch nur die Möglichkeit gibt, einen Jungen oder ein Mädchen zur Welt zu bringen. Es kommt eben, wie es kommt, und man muss damit leben“. Wir lachen – und merken: Enoc hat seinen für ihn typischen Humor nicht verloren. Aus den weiteren Ausführungen ist aber auch zu entnehmen, dass Enoc die vorschnelle Abreise der Missionare aus dem Süden des Landes und aus der Hauptstadt Bamako für überzogen hält.
Enoc Sagara ist Präses des Gemeindebezirks Bamako. Er engagiert sich neben seiner Tätigkeit als Pastor und Evangelist mit anderen Pastorenkollegen in der Gefängnisarbeit der Evangelischen Allianz.

Malireise 2012 | Angst und Unsicherheit nach dem Staatsstreich


Um die Mittagszeit machen wir uns auf in einen von Libanesen geführten Supermarkt. Die Inhaber des Ladens sind schon seit 1991 im Land. An der Kasse spricht uns die Verkäuferin mit einem Lächeln auf den Lippen an. Sie erkennt uns wieder und freut sich, uns zu sehen und legt gleich los: „80 bis 90 % der Weißen und reichen Malier haben das Land nach dem Staatsstreich verlassen. In Bamako sei bisher jedoch alles ziemlich glimpflich verlaufen, außer ein paar Schusswechseln zwischen Armeeeinheiten während den Tagen des Präsidentensturzes. Doch die Angst und Unsicherheit habe die Bevölkerung gelähmt und die Leute zur Ausreise bewegt. Die Geschäftsleute führten keine Waren mehr ein. Umsatzeinbußen seien zu verzeichnen gewesen. Sie hoffe, dass nach den großen Ferien die Normalität wieder einkehrt, und die Menschen wieder zurückkehren“.
Libanesen gehören neben den Chinesen in Westafrika zu den führenden Geschäftsleuten. Ihnen gehören Hotels und Lebensmittelhäuser. Zu ihren Kunden zählen vorwiegend wohlhabende Malier und Weiße.

Montag, 30. Juli 2012

Malireise 2012 | Anflug auf Bamako in der Regenzeit


Malireise 2012 | Hungerhilfe läuft


Geld konnten wir noch keins wechseln. Nur ein paar CFA (malische Währung) habe ich in meiner Hosentasche. Aber es reicht immerhin für ein wenig Nescafé und Milch an der Boutique nebenan. Ein labbriges Stück Weißbrot bleibt uns noch vom Vortag und süße Bananen. Frühstück im Hof, bei angenehmen 25 o C. Wir begrüßen die Mitarbeiter der Allianz-Mission, die nach und nach eintreffen und statten anschließend Pastor Enoc Sagara und seiner Familie einen Besuch ab. Der Pastor ist jedoch mit seinem Sohn unterwegs und außer Haus. Wir plaudern ein wenig mit seiner Frau.
Gerade als wir uns auf den Nachhauseweg aufmachen, fährt ein LKW vor. Junge Leute entladen Hirsesäcke und deponieren sie in einem Lagerraum der Gemeinde Quinzambougou. Ich packe ein wenig an und lasse mir einige der 100kg schweren Säcke auf den Rücken laden. Wir kommen ins Gespräch. „Die Säcke stammen aus dem zentralen Getreidedepot des Gemeindebezirks, etwas außerhalb Bamakos“, so sagt man uns. Die Allianz-Mission hat in den letzten Wochen Gelder zum Kauf von Getreide zur Verfügung gestellt, um so der Lebensmittelkrise in diesem Jahr zu begegnen. Die Organisation liegt aber ganz in den Händen der malischen Mitarbeiter und Gemeinden. Jede Ortsgemeinde erhält eine bestimmte Menge, die den auf Listen eingetragenen Personen entspricht. Togo, ein Mitarbeiter der Gemeinde Quinzambougou, erklärt uns, wie die Geschichte abläuft: „Die Hungerhilfe ist gut organisiert. Es gibt ein Einkaufskomitee, das Märkte im Land ausmacht, wo es Getreide zu einigermaßen günstigen Preisen zu kaufen gibt. Ein weiteres Komitee, so Togo weiter, übernimmt die Verteilung des Getreides. Auch nichtregistrierte Personen erhalten Hilfe, z.B. Nachbarn, aber auch Muslime, die nicht zur Gemeinde gehören. Keiner soll leer ausgehen. 5kg Reis oder Hirse, von der für Gemeindeglieder vorgesehenen Menge wird vom Komitee abgezweigt, um es an nichtregistrierte Familien zu verteilen.“ Ein wichtiges Zeichen der Solidarität.

Malireise 2012 | angekommen


Malireise 2012 | Flug nach Mali

29.7.2012
Unser Sohn Jonas bringt uns zum Flughafen nach Frankfurt. In der Wartehalle lernen wir S. kennen, einen Pastor aus Burkina Faso, der in Frankreich eine theologische Fortbildung macht und den gleichen Flug hat wie wir. Er wird von Bamako nach Ouagadougou weiterreisen. Wir kommen ins Gespräch und unterhalten uns über die politische Lage im Sahel. Die Regierung aus Burkina vermittelt zzt. in der malischen Krise. Doch, so S., es ist nicht ganz klar, was der Präsident aus Burkina politisch im Schilde führt. Zu offensichtlich sind seine guten Kontakte zu den Tuaregrebellen. Das macht Kritiker in Burkina und in Mali gleichermaßen misstrauisch. Krisenmanager und Politseelsorger – alles schön und gut. Gut, dass es solche Leute gibt, aber wenn ihr Profil nicht erkennbar ist, dann sind Rückfragen und Zurückhaltung angebracht.
S. fährt fort und meint: „Mali tut gut daran, eine militärische Intervention der CEDEAO (westafrikanische Union) nicht ohne Weiteres zu akzeptieren. Dies könnte nämlich dazu führen, dass sich das malische Militär in zwei Lager spaltet. Die einen, die eine militärische Assistenz von außen befürworten (Antiputschisten) und die anderen, die dies ablehnen (Putschisten d.h. die Anhänger von Kapitän Sanogo, der Ende März den Staatsstreich initiierte). Die Folge wäre eine weitere Schwächung Malis.“
Die Sache ist komplexer als dies manchmal in der westlichen Presse dargestellt wird. Hinzu kommt: Malier sind stolz. Sie würden eher auf eigene Faust die Rückeroberung des Nordens anstreben, wobei dies zum jetzigen Zeitpunkt wohl in einem Desaster enden würde, als eine aufgezwungene Militärassistenz von außen zu akzeptieren.
Es werden noch einige Gespräche stattfinden müssen, um ein einvernehmliches Vorgehen in der Krise zu erreichen.
Ein Bus bringt uns zum Flieger. Wenig später sitzen wir im Flugzeug Richtung Brüssel. Nach einem kurzen Zwischenstopp blicken wir gespannt Richtung Süden. Wir können aus 10 km Höhe die französische Mittelmeerküste erkennen und wenig später den gelben Sand der Sahara.

Mamdou N’Diaye, der Direkter der FATMES holt uns am Flughafen ab. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass die Abwicklung am Flughafen (Passkontrolle, Gepäckausgabe usw.) jemals so schnell und reibungslos verlaufen wäre, wie heute Abend. Aufgefallen ist uns, dass die Diensthabenden sehr nett und korrekt waren. Unter den Polizei- und Zollbeamten sind auffällig viele junge Gesichter.  Draußen erkennen wir zwei Panzer. Soldaten sehen wir keine. Als wir Richtung Stadt zu unserem Quartier unterwegs sind, fühlen wir uns direkt wie bei einem großen déjà vu – die Luft, die Temperaturen, die Farben und Gerüche kommen uns sehr bekannt vor. Es hat geregnet heute und es sind 25 o C am frühen Abend. Schon aus dem Flieger sah die Landschaft sehr grün aus. Mamdou sagte uns: „Die Regenzeit hat gut begonnen. Wir hoffen und beten, dass es so weiter geht und vor allem, dass die Heuschrecken bleiben wo sie sind und unsere Felder nicht überfallen und kahl fressen.“
Wir fragen, wie sich die Krise in Mali auf das Leben der Christen auswirkt. Mamadou berichtet: „Die Gebetstreffen in den Gemeinden, auch über die konfessionellen Grenzen hinaus, haben zugenommen. Die Geschwister rücken näher zusammen. … Überhaupt sei die aktuelle Krise auch eine Chance für Mali. Der arabische Einfluss im Süden des Landes geht zurück. Und vielleicht merken die Leute jetzt, was wirklich hinter dem Islam steckt.“
Christiane zieht sich eines ihrer malischen Kleider an. Wir gehen gemeinsam zur Bäckerei und kaufen dort frisches Baguette, ein paar Eier fürs Omlette und Bananen zum Abendbrot. Zu mehr reicht unser Kleingeld nicht. Wir treffen einen Taxifahrer, der uns zuruft und grüßt. Er hat mich vor Jahren abends bei Dunkelheit oft quer durch die Stadt gefahren, samt meinem Fahrrad, mit dem ich nachmittags zum Unterrichten an der FATMES gekommen bin. Irgendwo trifft man immer ein bekanntes Gesicht. Wir unterhalten uns und merken: die politische Entwicklung des Landes beschäftigt die Leute, auch wenn nach außen ein fröhlicher Plauderton herrscht. Und wir stellen fest: das Lachen ist den Leuten nicht vergangen. 


Malireise 2012 | Der Präsident ist zurück


28.7.2012

Wir sitzen mit Spannung auf gepackten Koffern. In Deutschland hat sich in den letzten Tagen der Sommer breit  gemacht. In Mali ist Regenzeit. Doch die Temperaturen dort werden um die 30 o C liegen und die Luftfeuchtigkeit wird ansteigen. Die Landschaft wird sich von gelb-braun in braun-grün verwandeln. Die bevorstehende Landwirtschaftssaison bringt die gebeutelten und verängstigten Menschen des durch Krisen, Lebensmittelengpässe und kriegerische Auseinandersetzungen im Norden heimgesuchten Landes  hoffentlich auf andere Gedanken.
Inzwischen ist der wieder genesene malische Präsident in Bamako eingetroffen und von der Regierung und dem Militär ehrenvoll empfangen worden. Seine Aufgabe wird es sein, in den nächsten Tagen eine Regierung der nationalen Einheit zu bilden. Auf diesen Prozess blicken wir mit Spannung und hoffen sehr, dass sich die politischen Akteure von ihren Egoismen verabschieden und lernen, an einem Strang zu ziehen. Am Sonntag will er eine öffentliche Erklärung zur Lage der Nation abgeben.

Malireise 2012 | Fragen zu Mali und unseren Motiven


Alfred, Du bloggst regelmäßig über die Ereignisse in Mali, woher kommen deine Liebe und dein Wissen zu dem Land?
Als Familie haben wir von 1988 bis 2006 in Mali gelebt, sind mit dem Land und seinen Leuten verbunden. Wir haben unsere Energie, unser visionäres Denken, unsere Perspektiven und Liebe in die Menschen in Mali investiert. Mali ist für uns nicht nur "missionarisches Einsatzgebiet". Es ist eine emotionale Verbindung entstanden. Und uns ist das Schicksal der Menschen, die in einem der ärmsten Länder der Erde leben nicht egal. Keine Aufgabe in Deutschland hat mich bisher emotional, geistlich und strategisch so herausgefordert und zufrieden gestellt wie das, was wir in Mali erlebt haben. Seit dem Staatsstreich vom März 2012 verfolge ich die frankophone westafrikanische Presse, telefoniere und chatte mit ehemaligen Kollegen und Freunden im Land. Das sind die Quellen, aus der meine Informationen stammen.

In Deutschland verfolgen wir mit Sorge die Ereignisse in Mali. Wie schätzt du die Lage ein?
In der deutschen Presse tauchen ab und zu zusammenfassende Berichte auf. Die Lage ist kritisch und verzwickt zugleich. Die Bildung einer Regierung der nationalen Einheit, deren Mitglieder an einem Strang ziehen, um die enormen Probleme im Land zu lösen, zögert sich hinaus. Wie überall auf der Welt suchen Politiker ihren persönlichen Vorteil und sind vom Machtstreben geprägt. Dabei ist die soziale Not durch Teuerung und Lebensmittelknappheit, durch Ernteausfälle und den Rückzug maßgeblicher Investoren sehr groß. Hinzu kommt, dass das Land faktisch geteilt ist. Die radikal islamistische Gefahr im Norden ist absolut nicht zu unterschätzen. Somalia und Nordnigeria zeigen sehr plastisch, wie salafistisch geprägter radikaler Islam das Leben der Menschen bedroht und prägt. Nur die Einheit der Regierung in der Hauptstadt Bamako und der feste Wille der westafrikanischen Nachbarn, der Afrikanischen Union und der UNO werden letztlich dazu beitragen, die Terroristen in die Knie zu zwingen und für nachhaltige stabile Verhältnisse zu sorgen.

Mali war eine der ersten "muslimischen Demokratien" in Afrika. Besteht überhaupt noch eine Chance, dass das so bleibt?
Die Chancen für das Überleben der Demokratie in Mali stehen eigentlich nicht schlecht. Hier bin ich relativ optimistisch. Denn der Druck der internationalen Staatengemeinschaft ist groß. Sollte z.B. das Militär den Prozess der Konsolidierung der demokratischen Institutionen (Präsident, freie Wahlen, Nationalversammlung, Gerichtsbarkeit) stören, würde dies Wirtschaftssanktionen und die zunehmende Isolierung des Landes zur Folge haben, mit negativen Folgen für den sozialen Frieden im Land. Von daher besteht ein gewisser Druck von außen, der sich hier vorteilhaft auswirkt.

In Timbuktu steht das Weltkulturerbe in Gefahr, von den muslimischen Rebellen zerstört zu werden. Wie ist die aktuelle Lage?
Die Lage ist unverändert kritisch und die internationale Aufregung groß. Die Bevölkerung wird gezwungen, sich unter die Scharia zu fügen. Vergehen werden hart und konsequent bestraft. Die Leute fühlen sich von der Zentralregierung in Bamako im Stich gelassen. Dies führt einerseits zu Protesten, andererseits besteht die Gefahr, dass junge Leute sich den radikalen Kräften anschließen. Schon heute sind massenweise Rekrutierungen auch von Kindersoldaten an der Tagesordnung. Die Kids werden geködert, indem ihnen Bildung, medizinische Versorgung und Unterhalt versprochen wird.  Die Islamisten haben in allen großen Zentren Nordmalis das Sagen. Die Tuaregrebellen sind zum großen Teil geflohen. Die Gründe für die Zerstörung der alten Denkmäler liegen im Konflikt zwischen salafistischem und sufistischem Islam begründet. Hier und da flammt ziviler Widerstand auf. Junge Leute und Frauen gehen auf die Straße und protestieren. Nicht selten geht dies mit Mord und Totschlag vonstatten. 

Ihr reist jetzt nach Mali. Was werdet ihr dort machen?
Christiane und ich werden während unserer zweiwöchigen Reise nach Mali ehemalige Kollegen und Freunde treffen. Wir wollen hören, wie sie unter den jetzigen Umständen leben und arbeiten. Wir wollen auf den Straßen und Märkten die einfachen Leute treffen und sie fragen, was sie von den Entwicklungen in Mali halten. Wir möchten einfach zuhören und gemeinsam beten und so unsere Solidarität zeigen. Wir werden im Landesinneren auch NGO-Mitarbeiter und Pastoren aus Gemeinden und Regionen treffen, die ziemlich dicht am Einflussgebiet der Islamisten leben. Die meiste Zeit werden wir jedoch in der Hauptstadt Bamako verbringen, Flüchtlinge, die ihre Heimat im Norden verloren haben besuchen und an Gottesdiensten teilnehmen und predigen. An einer theolog. Fachschule, die wir vor 10 Jahren gegründet haben und die seit geraumer Zeit von einem afrikanischen Studienleiter geleitet wird, werde ich einen Kurs in Missionstheologie unterrichten. Sehr gespannt sind wir auch darauf, was Gott uns persönlich zeigen wird und welche Perspektiven sich ergeben.

Malireise 2012 | letzte Vorbereitungen

26.7.2012
Letzte Vorbereitungen für unseren Urlaubstrip nach Mali. Ein ehemaliger Student der FATMES (Fachhochschule für Theologie und Missiologie im Sahel, Bamako), an der ich von 2001-2006 unterrichtet habe, teilt mir im Chat mit: „Wir beten für stabile Verhältnisse in unserem Land und für die Rückkehr der Missionare – denn Mali benötigt sie, mehr als je zuvor. Unser großer Gott möge ihre Rückkehr ins Land ermöglichen und die Wege dazu ebnen.“ -Wir werden nur zwei Wochen im Land sein. Wir sind gespannt auf die Atmosphäre im Land.

Mittwoch, 25. Juli 2012

Unsere Reise nach Mali | erhitzte Gemüter und politische Bewegung im Monat Ramadan


Kommenden Sonntag werden wir unsere Urlaubsreise nach Mali antreten. Unter den aktuellen Umständen werden wir das Flugzeug wohl mit einer gewissen Anspannung besteigen. Denn – Mali ist nicht mehr das, was es war. Trotz allem leben dort Menschen, die uns am Herzen liegen.

Von außen betrachtet scheint sich in Mali ein gewisser Status Quo einzustellen. Die Fronten sind klar. Mali ist de facto geteilt. Im Norden herrschen die radikalen Islamisten, die die zwangsweise Einführung der Scharia vorantreiben. Im Süden geht das Leben seinen normalen Gang. In der Hauptstadt sind sich die politischen Akteure immer noch nicht einig, wie eine künftige Regierung der nationalen Einheit aussehen soll. Irgendwo dazwischen formieren sich Gruppierungen zu einer Art Landwehr. Es sind junge Leute, die sich militärisch ausbilden lassen und die Rückeroberung der verlorenen Gebiete im Norden Malis aus eigenem Antrieb erzwingen wollen. Das ist ein starkes Signal, gleichzeitig aber auch ein klarer Vorwurf an die mangelnde Durchschlagskraft der offiziellen Politik und das ewige Gerede der westafrikanischen und internationalen Strategen. Die Polizeistation der nördlich von Mopti gelegenen Stadt Douentza befindet sich Pressemitteilungen zufolge wieder in der Hand der staatlichen Polizei, nachdem dort zuvor Rebellen die Oberhand hatten. Dieser momentane Erfolg ist auch den zivilen Widerstandsgruppen zuzuschreiben.
Der Monat Ramadan hat am 20. Juli begonnen. Während des Fastenmonats erhitzen sich traditionell die Gemüter. Die Zahl der Verkehrsunfälle steigt wegen Unkonzentriertheit und die Preise der Grundnahrungsmittel schnellen in die Höhe.
Unterdessen wächst der Druck der internationalen Staatengemeinschaft auf die Politiker in Bamako. Die EU hat sich bereit erklärt, einen möglichen Militärschlag zur Rückeroberung des besetzten Nordens unter der Schirmherrschaft der Afrikanischen Union und der UNO strategisch zu unterstützen. Voraussetzung sei allerdings, dass die Regierung des Landes sich stabilisiert und der Prozess der Konsolidierung der demokratischen Institutionen vorangetrieben wird. Gegner des Putsches vom März erheben schwere Vorwürfe gegen den aktuellen Regierungschef Diarra und werfen ihm Vetternwirtschaft und mangelndes politisches Geschick vor. Eine Sitzung jagt die andere, aber konkrete Ergebnisse kommen dabei nicht heraus.
In Sévaré und Mopti (ca. 700 km nördlich von Bamako) befindet sich eine Militärbasis, wo junge Soldaten rekrutiert werden. Wenige Kilometer nördlich davon beginnt die unsichere Zone und Islamistengebiet.
In Soufouroulaye (15 km südlich von Mopti), dort wo wir Anfang der 1990er Jahre eine Gemeinde gegründet haben, befindet sich ein Jugendcamp, wo ebenfalls Jugendliche militärisch ausgebildet werden.
Die ehemaligen Tuaregrebellen haben sich vor einigen Wochen von den radikalen Islamisten getrennt und der Errichtung eines unabhängigen Staates mittlerweile eine Absage erteilt. Sie erwägen nun den Kampf gegen Ansar Dine (islamistische Gotteskämpfer), ihre ehemaligen Verbündeten. Man hat den Eindruck, dass sich Einiges zusammenbraut. Es erscheint jedoch illusorisch, eine Lösung durch politische Gespräche zu erreichen. Der mehr oder wenig gut koordinierte Militärschlag scheint nur eine Frage der Zeit.
Inzwischen haben sich keine der viel diskutierten Lösungsansätze als praktikabel erwiesen und es ist nicht auszuschließen, dass das Tauziehen weitergeht – auf Kosten der unterdrückten Bevölkerung im Norden. Erklärungen von heute, können morgen schon wieder kalter Kaffee sein.
Die Rückkehr des Übergangspräsidenten nach Mali wird mit Spannung erwartet. Er befindet sich seit dem Attentat auf ihn im Monat Mai in medizinischer Behandlung in Frankreich. Der französische Außenminister wird im Laufe der Woche in mehreren westafrikanischen Staaten erwartet, um die politische Krise in Mali zu beraten.

Wir werden uns vorwiegend in der Hauptstadt Bamako aufhalten und dort Freunde, ehemalige Kollegen und Gemeinden besuchen. Außerdem werde ich predigen und einige Stunden Missionstheologie unterrichten. Eine Reise ins Innere des Landes ist auch vorgesehen. Jedoch werden wir uns hüten zu weit in den Norden zu reisen und auf gefährdetes unsicheres Terrain vorzudringen. Unser gesunder Menschenverstand und das Anraten unserer malischen Freunde halten uns zzt. davon ab. Auf ein tête à tête mit Radikalen und Rebellen verzichten wir gerne. Dennoch ist es uns ein Anliegen, unseren malischen Geschwistern in dieser angespannten und unsicheren Situation unsere Solidarität zu zeigen, unsere Freundschaft zu ihnen zu pflegen und gemeinsam zu beten – für ihre Familien, für die Gemeinden und die politische Entwicklung im Land.

Donnerstag, 12. Juli 2012

Nigeria | Boko Haram ermordet Christen und attackiert den Staat



Im nördlichen Nigeria sind am vergangenen Wochenende 88 Menschen ums Leben gekommen. Boko Haram, eine schlagkräftige militante salafistische Gruppierung hat zugeschlagen. Unter den Opfern befinden sich vor allem Christen, aber auch Polizeibeamte und Abgeordnete des nigerianischen Parlaments.
Ursprünglich war die Polizei davon ausgegangen, es handele sich bei den Auseinandersetzungen um die Folgen eines Streits zwischen christlichen Bauern und muslimischen Viehhirten. Zwar spielen interethnische Konflikte eine gewisse Rolle, doch die kritische Situation wird eindeutig von der salafistisch terroristischen Vereinigung Boko Haram dominiert.
Der Sprecher von Boko Haram verkündet stolz: "Wir freuen uns über den erfolgreichen Schlag gegen die Christen und die Vertreter des Staates. Die Attacken werden weiter gehen – bis die Scharia endgültig eingeführt wird."
Boko Haram sorgt seit Jahren für Terror im Norden Nigerias. Ihr Ziel ist die Errichtung eines islamistischen autonomen Staates.
Toni Görtz,  Afrikareferent beim katholischen Hilfswerk missio Aachen, weißt in einem Interview mit Radio Vatican auf die politischen Ziele von Boko Haram hin: "Als islamistische Sekte, die sich von westlichen Einflüssen reinigen wollte, war ihre Absicht, alle Dinge abzulegen, die durch die Kolonialzeit in die Region herein getragen worden sind. Das eigentliche Symbol, die eigentliche Macht, die dieses Westliche repräsentiert, war und ist der Staat und mit ihm die Polizei.“
Außerdem ist nicht zu vergessen, dass sich Boko Haram als islamische Bewegung gegen die einseitige Besetzung der vorwiegend von Christen dominierten Zentralregierung zur Wehr setzt. Dieses Motiv findet in weiten Teilen der Bevölkerung Zustimmung. Aus diesem Grund fügt Görtz hinzu: „„Es geht darum, dass eine große Unzufriedenheit mit der Regierung und mit dem Staat in Nigeria herrscht. Diese große Unzufriedenheit wird von Boko Haram aufgegriffen, genutzt und instrumentalisiert, und sie haben ja auch deshalb hauptsächlich Polizeistationen als Hauptangriffsziele gewählt, um dem Staat und der Regierung eins auszuwischen. Boko Haram ist auch stolz darauf – es gibt in der Beziehung immer wieder Statements – den Staat sozusagen vorzuführen, nämlich dadurch, dass Boko Haram fast täglich größere oder kleinere Attentate irgendwo in Nigeria verübt und der Staat dem sozusagen machtlos und stauend gegenüber steht. Boko Haram ist auch teilweise besser ausgerüstet als die Polizei, so dass sie häufig Angst hat und zögerlich gegen die Attentäter vorgeht. Es ist ja bisher auch kein einziger Fall bekannt, dass ein Boko Haram Attentäter verhaftet und vor einem Gericht verurteilt worden wäre. Man hat einfach Angst davor.“

Boko Haram (wörtl. Fluch über Bücher in lateinischer Schrift) ist eine terroristische islamistische Gruppierung im Norden Nigerias, die sich gegen jeglichen westlichen Einfluss, sei er politischer, wirtschaftlicher oder religiöser Natur, zur Wehr setzt. Ziele sind die Einführung der Scharia und der Verbot westlicher Bildung. Beteiligung an Wahlen ist ebenfalls verboten. Boko Haram unterhält Verbindungen zu den afghanischen Taliban. Seit 2010 trägt die Organisation den arab. Namen: jama'atu ahli al-sunna li-da'awati wa-l-jihad  (wörtl. Verband der Sunniten für die Einladung zum Islam und für den Jihad). Gegründet wurde die Bewegung von Sektenchef Ustaz Mohammed Yusuf. Das Hauptquartier befand sich in Maiduguri. Die Sekte wird nach seinem Tod von einem ca. 30-köpfigen Rat geleitet. Die Organisation ist ein Konglomerat von mehreren islamistischen Splittergruppen. Außerdem unterhält Boko Haram Verbindungen zu islamistischen Terroristen im Tschad, in Kamerun, zu Al-Qaida im Islamischen Maghreb (AQIM) und zu Al-Shabaab in Somalia.

Mittwoch, 4. Juli 2012

Mali | Muslime attackieren Muslime – wieso?

Warum zerstören fundamentalistische Muslime die alten Gräber und Mausoleen muslimischer Gelehrter und Moscheen und ziehen dadurch den Zorn ihrer Glaubensbrüder auf sich? Ist das nicht paradox?
Ja, es ist paradox – scheinbar. Aber wenn man sich die historischen Unterschiede und Ziele der radikal salafistischen Bewegung einerseits und der sufistischen Volksfrömmigkeit im Maghreb und in Westafrika andererseits anschaut, dann werden die Unterschiede deutlich und damit auch die aktuelle Serie von Zerstörungen in Gao und in Timbuktu.
So wie im Christentum, so gibt es auch in der islamischen Welt erhebliche konfessionelle Unterschiede. Sie beruhen auf der unterschiedlichen Interpretation des Koran sowie des „letzten Willens“ des Propheten Mohammed und der sich anschließenden islamischen Tradition.
Islam contra Islam. Eigentlich müsste es lauten: Salafismus contra Sufismus. Denn das, was sich im Norden Malis abspielt, ist auch der islaminterne Kampf um die rechte Interpretation der Lehre des Propheten Mohammed.
Beim Sufismus handelt es sich um eine mittelalterliche Strömung der islamischen Mystik (seit dem 9. Jh.). Zu dieser Form des Islam gehören verschiedene Formen kontemplativen Lebens, die sich als Volkstradition neben die Scharia (islamisches Gesetz) gesellen. Hochstehende Ausprägungen der sufistischen Mystik (al tasawwuf) finden wir in der Türkei und in Persien. Im nordafrikanischen Maghreb und in weiten Teilen des seit dem 10. Jh. in mehreren Phasen islamisierten Westafrikas hat sich eine populäre Form des Sufismus etabliert. Seit dem 12. Jh. haben sich mehrere sufistische Ordensbewegungen gebildet (Darqawija, Qadirija, Shadhiliya, Tidjanija), die von Marabuts angeführt wurden und später auch in Nord- und Westafrika eine rege Missionstätigkeit entfaltet haben.
Durch das starke Analphabetentum in den Regionen der Subsahara, hat sich der Islam hier mit populäranimistischen Strömungen verbunden. Die Marabuts gelten einerseits als anerkannte islamische Gelehrte, andererseits haben sie durch ihre besondere spirituelle Aura einen privilegierten Zugang zu Gott. Der Wunsch der Gläubigen besteht darin, an dieser Kraft (baraka) Anteil zu erhalten. Die Folge dieses Denkens ist die Errichtung von besonderen Moscheen, Mausoleen und Marabut-Gräber, mit dem Ziel, die Erinnerung an die verehrten Gelehrten wach zu halten. Der Besuch dieser Stätten gilt als eine Art „Pilgerfahrt der kleinen Leute“.
An diesen besonderen Orten beten Frauen um Fruchtbarkeit; es wird die Heilung kranker Angehöriger erbeten oder der besondere Segen für wirtschaftlichen Erfolg. Bestimmte religiöse Formeln (dhikr), Tänze und musikalische Formen sind im Laufe der Zeit entwickelt worden. Hinzu kommt, dass die Religion im Allgemeinen und die sufistische Frömmigkeit im Besonderen einen erheblichen Einfluss auf das gesellschaftliche Leben haben.
Demgegenüber handelt es sich bei den Salafisten um eine ultrakonservative fundamentalistische Strömung des Islam, wo es um die Rückkehr zur ursprünglichen, vom Salaf (Urahn, Altvorderen) ausgeübten Form des Islam geht. Die aus Saudi-Arabien stammende Bewegung der Wahhabiten bildet einen starken inhaltlichen Bezugspunkt für die Salafisten.
Der Kampf der Salafisten gilt der reinen Lehre. Salafisten lehnen heilige Orte und die Verehrung von islamischen Heiligen in Form von Bildern und Monumenten ab, weil sie in Konkurrenz zur alleinigen Anbetung Allahs steht. Darüberhinaus würde die besondere Stellung des Propheten Mohammed unterhöhlt. Der Koran trifft diesbezüglich keine eindeutigen Aussagen. Ein striktes Bilderverbot ergibt sich lediglich aus der Hadith, der islamischen Tradition.  Der islamische Gelehrte Muhammad Ibn Abdal Wahhab (1703–1792) sah in diesen sufistischen Praktiken eine Form götzendienerischen Aberglaubens.
Das radikale Vorgehen der salafistischen Ansar Dine im Norden Malis kommt einer Art von "Bildersturm" gleich, den wir in seiner ikonoklastischen (Bilder zerstörenden) Akzentuierung auch  aus der Kirchengeschichte kennen. Das Vorgehen der Salafisten richtet sich also einerseits gegen einen in ihren Augen „abergläubischen Islam“. Andererseits wird aber auch das kulturelle Erbe der Tuareg, Peulh und Songai zerstört, Volksgruppen, die seit Generationen in der Sahara und im Sahel zu Hause sind.  Die Tuareg haben seit Beginn der Rebellion die Einführung eines „Steinzeit-Islam“ und der strengen Scharia abgelehnt, weil es nicht ihrer Kultur entspricht.Von daher bergen die islaminternen religiösen Divergenzen auch erheblichen kulturellen und politischen Sprengstoff. Die UNESCO und die internationale Staatengemeinschaft sowie Teile der muslimischen Welt haben die Zerstörung der bedeutsamen islamischen Kulturstätten scharf verurteilt.