lundi 21 décembre 2009

Lebensbalance zur Ehre Gottes


„Sorgt euch zuerst darum, dass ihr euch Gottes Königsherrschaft unterstellt und tut, was recht ist vor ihm, dann wird er euch schon mit all dem anderen versorgen.“ (Matthäus 6,33)

Engagierte Mitarbeiter im kirchlichen Dienst laufen Gefahr, ihre Arbeit lediglich horizontal auszurichten - auf Menschen, Strategien und Ziele. Wenn wir im geistlichen Dienst überleben wollen, müssen wir uns bewusst machen, dass wir in erster Linie einer höheren Autorität verpflichtet sind.
Wir sind Diener, Mitarbeiter und Botschafter Gottes. Unser Leben gehört Gott. Aus dieser persönlichen Bindung entsteht der Dienst am Menschen, in Gemeinden und in der Gesellschaft.
Die engagierte Suche nach dem Reich Gottes meint: Gottes Willen tun, Gott Raum geben im Leben, damit seine Herrschaft in uns und durch uns anbrechen kann, fragmentarisch aber sichtbar.

Wir werden zu Leuten, die sich auf die Socken machen, die reisen, die reden, die anpacken und sich abmühen.
Reich Gottes ist ein Raum, den wir einnehmen und füllen - nicht erst in der neuen Welt Gottes irgendwann nach unserem Tod, sondern hier unten auf der Erde. Die Suche nach dem Reich Gottes ist die Suche nach weitem Raum, den Gott mit seiner Herrschaft füllt.

Menschen in der Liebe Gottes begegnen
Menschen einladen zu einem Leben mit Jesus Christus
Mitarbeit in Gemeinde und Mission, ohne dabei zu Sklaven der Umstände zu werden
Unseren Besitz und unsere Zeit teilen und zu helfen: Geben ist einfach – aber wirklich Hilfe leisten ist eine Kunst.
Ungerechte soziale Verhältnisse und biblisch fragwürdige Positionen beim Namen nennen ohne sich einschüchtern zu lassen von der vor Orientierungslosigkeit strotzenden atheistischen Rhetorik
Unsere Familien als Raum des Reiches Gottes sehen und unsere Kinder verantwortungsbewusst erziehen. Familien sind kein Nebenprodukt des Reiches Gottes, die mit dem Verweis auf Matthäus 6,33 als "Zufälligkeit" betrachtet werden könnten. Unsere Ehepartner und Kinder, die Gott uns anvertraut hat, stehen im Zentrum des Reiches Gottes und nicht an dessen Rand. Die Lebensgestaltung und beruflichen Perspektiven unserer Kinder dürfen nicht dem Zufall überlassen bleiben. Es ist weder katholisch noch evangelisch, weder biblisch noch vorbildlich, wenn Leute sich im Berufsleben verlieren, denn unsere Arbeit ist nur ein Teil des Lebens.

Die Sorge um das Reich Gottes meint: Gott soll das Sagen haben in all unseren Lebensbereichen, denn unser ganzes Leben gehört Gott, unsere Familien, unser Körper unser Beruf, unsere Freizeit und unser ehrenamtliches Engagement.
Lebensbalance zur Ehre Gottes und Dienst an Menschen, umfassende, ganzheitliche Verantwortung, Gelassenheit und engagierte Mitarbeit - all diese Aspekte gehören zusammen und so ist es recht vor Gott.

Kulturfarben


Kulturen sind verschieden, vielfältig und bunt. Kulturen spiegeln die Kreativität Gottes im Leben der Menschen. Jeder Mensch ist ein Teil von Gottes Schöpfung, kreativ und fähig sein Leben zu gestalten und Verantwortung für seine Mitmenschen zu übernehmen und Freund zu sein.
Was ich mir wünsche ist, dass ...
- Kulturen nicht trennend wirken, sondern herausfordern zur Begegnung
- Menschen es lernen eine Kultur der Toleranz einzuüben, gleichberechtigt und in Respekt miteinander umzugehen,
- wir es lernen Bögen zueinander zu schlagen, Brücken zu bauen und die Kurve kriegen zu anderen Horizonten
- Menschen, das Fremde, den Anderen nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung wahrnehmen.

Begegnungen in Mali - Westafrika


Vom 28.12.2009 bis 13.01.2010 reisen wir mit 20 jungen Leuten, darunter drei Studierende des Neues Leben-Seminars, nach Mali in Westafrika. Die zwei Wochen sind geprägt von Begegnungen mit Jugendlichen und Gemeinden in der Hauptstadt Bamako und in der Region Mopti. Wir werden Gottesdienste gestalten, praktische Arbeiten an einem Kindergarten durchführen, vielseitige kulturelle Einblicke bekommen, malische Lebensverhältnisse kennen lernen - und mit einem erweiterten Horizont nach Deutschland zurückkehren.
Ein weiteres Ziel ist es, die kirchliche und sozialdiakonische Arbeit der Union des Eglises Protestantes Evangéliques au Mali und der Allianz-Mission kennen zu lernen. Der Jugendmissionseinsatz und Kulturaustausch wird organisiert und verantwortet von der Allianz-Mission, Dietzhölztal, die seit 1983 in Mali tätig ist.
www.allianz-mission.de

Freiheit zum Verzicht


Promotionsschrift von Alfred Meier
Exegetisch-Missiologische Untersuchung zur Missionarischen Ethik in Afrika nach 1. Korinther 9,1-27, mission academics 22, VTR, Nürnberg (erhältllich in der Buchhandlung des Missionswerkes Neues Leben, Raiffeisenstraße 2, 57635 Wölmersen)
Inhaltsangabe

Die vorliegende Arbeit wurde im Jahre 2001 an der UNISA, Pretoria, als Promotionsschrift eingereicht. Sie versucht, auf der Basis einer kontextbezogenen Analyse sowie exegetischer Erkenntnisse aus 1 Kor. 9,1-27 und dem daraus erschlossenen Grundsatz des freiheitlichen Verzichts auf Recht und Macht, Grundsätze für die missionarische Ethik zu entwickeln, wobei dem westafrikanischem Kontext eine besondere Bedeutung zukommt. Textpragmatische Ansätze im methodischen Teil und die Einbeziehung des Bambara (Sprache Malis) in die Exegese bereichern dabei die kontextuelle Anbindung.
Im praktischen Teil der Arbeit wird aufgezeigt, wie die Mentalität des inkarnatorischen Lebensstils den Umgang des „Starken“ mit dem „Schwachen“ in den partnerschaftlichen Beziehung der heutigen Missionsarbeit verwirklicht werden kann. Dabei werden die Fragen beleuchtet, wie Missionare im Gastland durch freiwilligen Verzicht auf Mitspracherechte in den Strukturen auf nationaler Ebene zur Stärkung des Partners beitragen können und wie auf internationaler Ebenen adäquate Leitungsstrukturen die Bereitschaft des Westens zum Verzicht auf einseitige Kontrolle fördern können, mit dem Ziel afrikanische Partner in die Mitverantwortung auf höchster Entscheidungsebene zu integrieren.

Mission geht auch anders …


Was tun, wenn westliche Missionsstrategien dominieren, aber nicht mehr funktionieren?

Zunehmend gewinnen Missionsinitiativen der Zwei-Drittel-Welt an Kraft.
Frank Paul berichtete am 16.2.09 während seines Missionsvortrages im Neues Leben- Zentrum, Wölmersen, von seiner langjährigen Erfahrung aus Argentinien. Seit seiner Rückkehr nach Deutschland lebt Frank Paul mit seiner Familie in der ökumenischen Kommunität der „Offensive Junger Christen“ (OJC) in Reichelsheim/ Odenwald.
In Argentinien hat Frank Paul von 1989-2007 in einem multikulturellen Missionsteam mit den Toba-Indianern in der Nähe des Paranaflusses zusammengearbeitet.
Der authentische Vortrag von Frank Paul hat Seminaristen und Gäste aus den umliegenden Gemeinden des NLZ herausgefordert und ins Nachdenken gebracht.
Die weißen Missionare, so Frank Paul, verstehen sich nicht als Missionare im klassischen Sinn, sondern als „brüderliche Mitarbeiter“. Evangelisieren und missionieren, das können die Indios inzwischen selbst. Die Aufgabe der Ausländer besteht darin, zu assistieren und zu beraten. Die Zeiten, wo der weiße Mann die Missionsstrategien bestimmte und die Entwicklung der Arbeit dominierte, sind längst vorbei. Die klassischen Missionstationen mit einer Krankenstation, einer Schule, einer Kirche und dem Haus der Missionare im Zentrum sind „out“. Diese Strategie hat lange Zeit dominiert, aber letztlich nicht funktioniert. Sie hat einheimische Initiativen gelähmt und Gemeindewachstum eingeschränkt. Das kolonialistische Erscheinungsbild der westlichen Missionsarbeit wird seit langem hinterfragt und als irrelevant abgelehnt.
Gefragt sind Mitarbeiter aus dem Westen, die sich unters Volk mischen, die mitten in der Bevölkerung leben, Kontakte knüpfen, Vertrauen schaffen und ganzheitlich sich um die Belange der einheimischen Bevölkerung kümmern.
Apropos Vertrauen … Vertrauen aufzubauen ist existentiell für den Erfolg der Arbeit. Zu oft sind die argentinischen Indianer von der weißen Elite des Landes betrogen, misshandelt und enttäuscht worden. Von daher ist es den Indios nicht zu verübeln, wenn sie in jedem Weißen zunächst einen „potentiellen Gauner“ sehen.
Frank Paul ist immer wieder zu Reisen in die indianischen Dörfer aufgebrochen, um bei der Bibelübersetzung in die Tobasprache zu helfen, Mitarbeiter zu schulen und bei der Gestaltung von Gottesdiensten mitzuwirken. Diese Reisen waren nicht nur Grundlage einer indianischen Missionsstrategie, sondern dienten ebenso als „vertrauensbildende Maßnahme“.
Das Wachstum der indianischen Gemeinden ist enorm, seitdem sie das Ruder selbst in die Hand genommen haben und die Missionare aus dem Westen eingesehen haben, dass sie strategisch umdenken müssen. Die Gemeinden sind mittlerweile selbstständig, sie bestimmen selbst die Liturgie ihrer Gottesdienste und die Methoden der Evangelisation. Tanz, Dialogpredigten sind feste Bestandteile.
Gemeinden sind für die Toba aber auch der Raum, wo das indianische Selbstbewusstsein gestärkt werden kann. Christen stehen füreinander ein, nicht nur geistlich, sondern auch im sozialen Bereich. Der Kampf um eine gerechte Verteilung des Landes hat eine hohe Priorität, weil hier die wirtschaftliche Existenz auf dem Spiel steht. Von der Gemeinde organisierte Demonstrationen vor dem Bürgermeisteramt verwandeln sich in Gebetskampagnen.
Das Resümee des Vortrags war eindeutig: Westliche Mission wird dann erfolgreich sein, wenn sie Vertrauen schafft und lokale Initiativen stärkt und hilfreich flankiert.

Mitten im Leben - auf dem Weg zu einer Theologie der Tat


Artikel von Alfred Meier in: Faix, Reimer, Brecht (Hg.), Die Welt verändern, Grundfragen einer Theologie der Transformation, Francke-Verlag, Marburg, 300 Seiten, Paperback, TRANSFORMATIONSSTUDIEN Band 2

Wie sollen Christen auf die weitgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen in der heutigen Welt reagieren? Mit Rückzug?
Im Gegenteil, sagen die Autoren dieses Buches und gehen die Grundfragen einer Theologie der Transformation offensiv an. Kirchen und Gemeinden haben den öffentlichen Auftrag, Glauben zu leben und darüber zu diskutieren, welche Rolle sie im 21. Jahrhundert spielen.
20 Autoren geben Antworten, wie transformatorische Prozesse und ganzheitlicher Glaube gesellschaftsrelevant gelebt werden können. Der Bogen wird weit gespannt: von der biblischen Grundlage und dem interdisziplinären Dialog über die Lehren der Geschichte bis zur Praxis transformatorischer Theologie.

Kirche in der Welt - Historische Skizzen zur missionalen Dimension des Christentums


Artikel von Alfred Meier, erschienen im GBFE Jahrbuch 2009
Rechtzeitig zum 10-jährigen Bestehen der Gesellschaft für Bildung und Forschung in Europa (GBFE) ist das erste GBFE Jahrbuch 2009 erschienen. Das Thema des Jahrbuches ist "Missionale Theologie."

Der Sammelband soll dazu beitragen, Perspektiven aufzuzeigen, wie wir insgesamt der missionarischen Herausforderung und dem Werden der Kirche in diesen bewegten Zeiten begegnen können - nicht auf Kosten der Klarheit des Evangeliums, sondern gerade deshalb, weil es der Natur des Evangeliums von Jesus Christus entspricht, die Welt, in der wir leben, zu gestalten und zu verändern.

Das Jahrbuch wurde von Rainer Ebeling und Alfred Meier im Namen der GBFE herausgegeben und kann zu einem Preis von 19,00€ (inkl. Porto und Versand) beim GBFE Büro, Bahnhofstr. 42, 33813 Oerlinghausen bestellt oder in der Buchhandlung des Missionswerkes NEUES LEBEN, Raiffeisenstraße 2, 57635 Wölmersen erworben werden.

dimanche 20 décembre 2009

Kein Staatsmann – nur ein Teppich

Lukas 3,
4»Stimme eines Rufenden in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn, macht seine Pfade gerade!
5 Jedes Tal wird ausgefüllt und jeder Berg und Hügel erniedrigt werden, und das Krumme wird zum geraden und die holperigen zu ebenen Wegen werden;
6 und alles Fleisch wird das Heil Gottes sehen.«

Johannes wird zum Wegbereiter, er ist ein Straßenarbeiter (Jesaja 40, 3-5). Er ist als Prophet berufen, dem Messias den Teppich auszurollen, damit Menschen den Weg zur Krippe gehen können und Jesus in seiner Größe schätzen lernen.

Johannes ist der Wegbereiter des Advent. Er ist nicht selbst der Weg, sondern nur Wegweiser.
Seine Vision und sein Lebensstil fordern uns heraus. Wie werden wir zu Leuten, die anderen den Weg zeigen und dabei nicht groß raus kommen wollen?

Szenen einer Berlinreise


Ankunft Berlin-Schönefeld, gegen 20 Uhr. Einige Minuten Fußweg zum Bahnhof. Die Wagons sind fast menschenleer. Die S-Bahn rollt, in Richtung Hauptbahnhof, an den Hinterhöfen der Berliner Häuser vorbei und gewährt mir Einblicke hinter die Fassaden, unaufgeräumte Hinterhöfe, unverputzt, gespannte Wäscheleinen, abgemeldete PKWs, Regentonnen. Zerfetzte Backsteinfassaden huschen vorbei, rot, sandig, bereits vom Schatten der herannahenden Nacht überzogen. Qualmende Heizungsschlote. Wärme und Menschen hinter erleuchteten Fenstern, flackernde Fernsehgeräte, Personen, die bei Tisch sitzen, ein Glas in der Hand, Glück, verpeilte Leben, was weiß ich – Arme, Reiche, Berliner Schnauzen, Blumenzüchter, Migranten, Eigentümer von Schrebergärten, Mütter, Kinder, arbeitslose Väter, Leute mit gutem Job. Wer auch immer sich hinter den Mauern verbirgt, dort lebt, sich sorgt, sich freut – der Zug fährt zu schnell.

Zugestiegen. Drei Jugendliche unterhalten sich lachend. Die Dame in der Sitzreihe neben mir kündigt per Handy ihr Nachhausekommen an. Ein Herr Mitte Dreißig betritt wankend das Abteil und sucht, sich an seiner Einkaufstüte und den Haltestangen gleichzeitig festhaltend, mühsam seinen Sitzplatz.
Nächster Halt „Hauptbahnhof“ – bitte Fahrtrichtung links aussteigen.
Gut, kein Problem. Ich raffe meine Tasche und durchquere den gläsernen Palast, der für kurze Momente nur Züge und Passanten gefangen hält und sie dann wieder in die Freiheit entlässt. Ich verlasse das Bahnhofsgebäude.

Es ist dunkel und kalt. Ein leichter Schneeregen hat eingesetzt. Ein paar Meter vor mir, überquert ein leicht angetrunkener Clochard eine Schnellstraße, obwohl die Ampel rot anzeigt. Auf der anderen Seite erwartet ihn ein Polizist. Aber das gibt’s doch wohl nicht, sag mal, bist du verrückt – fährt er ihn an mit seinem durchdringenden Berliner Dialekt. Der Penner zieht respektvoll seinen Hut, der vom Staub der Straßen und Flecken überzogen ist. Er verneigt sich entschuldigend vor dem Beamten in grün, während ihm dabei der Rucksack mit seinen Habseligkeiten vom Rücken rutscht. Schwamm drüber – man kennt sich.

Gegen 21 Uhr erreiche ich mein Quartier in der Stadtmission, Nähe Hauptbahnhof. Ich weiche in letzter Sekunde einer Lache Erbrochenem aus. Spuren eines Menschen – abgefüllt, rein geschüttet, die Sorgen des Lebens runtergespült, bis an die Grenze und aus vollem Magen heraus gespült. Mahlzeit.

Auf dem Gehweg sehe ich im inzwischen einsetzenden Nieselregen einige Jugendliche sitzen, mit Bierflaschen hantierend. Sie grüßen mich laut und bieten mir eine Zigarette an. Ich lehne dankend ab – bleibe einen Augenblick stehen, grüße zurück – gehe weiter. Abgewrackte Typen – einerseits. Andererseits sitzen sie dort, wie Avantgardisten einer Gegenkultur, wie stolze Häuptlinge, die Kriegsrat halten, mit Ketten behangen und Lederkluft überzogen. Die hochgestylten Chirokesenfrisuren, ihre in Farbe getränkte Haartracht stellen sie wie Trophäen zur Schau. Sie bekunden ihren Stolz, ihr Lebensgefühl, grölend aus angefeuchteten Kehlen.

Am nächsten Tag, um 10.15 Uhr habe ich einen Termin in der Linienstraße. Ich werde mich mit Rainer treffen, um gemeinsam mit ihm zu überlegen, wie wir einen missiologischen Kurs in Urban mission stricken können. Das Ziel meiner Berlinreise ist aber nicht nur rein akademischer Natur. Ich merke, wie wichtig es ist, dass Konzepte aus dem Leben entstehen müssen. Die Syllabi der Theologie müssen von den Impulsen des Alltags geprägt sein und nicht so sehr von den Überschriften und Fußnoten akademischer Publikationen. Menschen, wo man nur hinschaut Menschen, mit ihrem Leben, ihrem Schicksal, keine Konzepte, lauter Leben. Beziehung.

Es bleibt noch Zeit. So entschließe ich mich, dass Feeling der Großstadt ein wenig aufzusaugen und Eindrücke zu sammeln. Statt mit der S-Bahn die Stadt zu durchqueren, mit der U-Bahn in sie abzutauchen, entschließe ich mich, mir die Beine zu vertreten, der Spree entlang. Ich erkundige mich nach dem Weg in Richtung Friedrichstraße. Die nette Dame, die mir freundlich Auskunft erteilt, während ihr das Handy am Ohr klebt, spricht einen osteuropäischen Akzent. Polen. Ukraine … nicht entscheidend? Sie kennt den Weg. Wir wechseln ein paar Worte und wünschen uns einen netten Tag.

Vor mir taucht das Regierungsviertel auf. Meist mit Beton und Glas errichtete Gebäude, die wenig Wärme und Gefühl, aber sehr viel funktionale Effizienz ausstrahlen. Karge Winterbäume, keine Menschen. Von der Bannzone aufgehalten, schaue ich gebannt auf die Residenzen hauptstädtischer Politik. Hier logieren und hantieren die Oberen der Republik hinter transparent undurchsichtigen Fassaden.

Ich unterquere den S-Bahnhof Friedrichsstraße und erinnere mich an eine Berlinreise im Jahre 1982, als die Mauer noch dicht, und die Grenzen zu waren. Damals war mir Berlin sehr grau vorgekommen, Mauern und Häuserwände, abblätternde Farben von Holzrahmen, die halbblinden Fensterscheiben Halt gaben, irgendwie belastet, mit dem Dunst der Unfreiheit überzogen. Heute ist Berlin frei, frei von Passkontrollen und Angstschweiß auf der Stirn, wenn sich vor Jahren Grenzbeamte und VOPOS näherten, im Palast der Tränen. Heute hält kein Beamter die Reisenden mehr auf. Kein Vorzeigen von Pässen. Ein Palast aus Glas und farbigen Werbetafeln – ohne Tränen.

An der Ecke Invalidenstraße- Chausseestraße schaue ich auf ein Hinweisschild, das über einem Hauseingang hängt. ZahnArt lese ich. Ein Schreibfehler – Nein! Der moderne Zahnarzt als Skulpteur – ein Künstler, der die Zähne seiner Klienten modelliert und auf Vordermann bringt. Die Mutation des Arztes zum Artisten ist perfekt.

In vier Metern Höhe hängt das Schild an einem Haus. Speisekombinat, lese ich. Ich merke, dass ich im ehemaligen Ostberlin gelandet bin. Ein wenig DDR-Nostalgie. Ein paar Häuser weiter wird auf einem Schild vermerkt, dass in diesem Haus Bertold Brecht einige Jahre seines Lebens verbracht hat, von 53 bis 56, es ist lange her. Der Stolz auf eine linke Vergangenheit blitzt auf. Es bietet sich der Straße entlang ein Bild der Kontroversen. Hier eine neue, vor kurzem renovierte Boutique, ausgelegt mit extravaganten Artikeln und Accessoires der Postmoderne. Nebenan, ein Laden aus DDR-Zeiten, wo es LPs und Schwarz-Weiß-Postkarten aus den 50ern bis 70ern, statt DVDs zu kaufen gibt. Vollgestopfte Regale, mit nostalgischem Zeug. Eine Verkäuferin sehe ich nicht. Erst um zehn wird geöffnet.

Viele Baugruben. Noch immer werden Gebäude aus dem Nachkriegsdeutschland und den DDR-Zeiten abgerissen oder renoviert. Vor mir taucht eine Ruine auf, ein altes vierstöckiges Backsteinhaus. An der Stirnwand hängt der Stofffetzen aus der Zeit, wo Autonome und Nonkonformisten Häuser besetzten, sich zur Wehr setzten und versuchten, den Immobilienkapitalisten die Stirn zu bieten. Mit wenig Erfolg. Die Baugruben werden bald verschwinden und die Erinnerung an bewegte Zeiten auch.

Turbulent geht es zu in Berlin, wie in jeder Großstadt der Welt, vermute ich. Die Leute gehen nicht, sie eilen, hektisch. Nur die Straßenbahn, die vor mir in die Invalidenstraße einbiegt scheint den Tag gemütlich durchfahren zu wollen. Nein es ist nicht eine Frage des Willens, er kann vermutlich nicht schneller, der gelbe Schienenbus auf seinen ratternden Eisenrädern, so wie die alte Dame, die die breite, durch einen Mittelstreifen geteilte Straße in zwei Etappen überqueren muss. Die Ampel war gerade wieder auf rot gesprungen, gerade als sie die Mitte der Fahrbahn erreicht hatte, und sie zwang inne zu halten, bis zum Nächsten Signal.

Die Plakate, die für ein Event am Wochenende werben, werden in drei Tagen schon wieder überklebt sein, verriet mir Rainer, der seit einigen Jahren in Berlin lebt und versucht im postmodernen, aufgewühlten, undurchschaubaren Milieu der deutschen Hauptstadt missionarisch tätig zu sein. Berlin ist einerseits geprägt von einer Megaeventkultur, andererseits passiert das Entscheidende in den kleinen Cafés, den Boutiquen, den Künstler- und Studentenkneipen und den schier zahllosen Kunstausstellungen. Plakate und Exponate wechseln – zu schnell. Eine Kunst, da hinterher zu kommen.

Ich sitze auf der Treppe der Humboldt-Universität und erinnere mich, in einem Geschichtsbuch gelesen zu haben, dass von hier aus die Demonstranten der 68er losgezogen und Berlin unsicher gemacht haben. Polizeikräfte, die Wasser werfend Demonstranten in Schach zu halten versuchen fallen mir keine auf. Von Rebellion und politischem Aufbruch ist hier nichts zu merken. In einem Schaufenster entdecke ich ein Buch mit dem Titel „Lesebuch für Rebellen“.
Stille Rebellen sah ich vorhin am Ufer der Spree. Penner, die die Nacht am Spreeufer hinter Pappverschlägen oder in Decken gehüllt auf einer Parkbank verbracht haben. Stille Rebellion gegen die Löcher im sozialen Netz der Republik. Schicksale auf der Gartenbank.

Am Abend bin ich mit Rainer und seiner Familie zur Eröffnung einer Kunstausstellung im Kunstschwimmer eingeladen, einem Projekt der ev. Kulturwerkstatt. Claudio, ein Bildhauer aus dem Kiez hat hier seine neusten Exponate ausgestellt. Sie trägt den Titel „Mensch“.

Ein nichtchristlicher Künstler in einer von Christen geführten Kunstausstellung. Er hat seine Freunde mitgebracht. Einer von ihnen hält die Laudatio, wortgewandt, spielerisch – ein Genuss, ihm zuzuhören. Claudio hat unter anderem Nachbarn und Freunde in Holz gehauen, Skulpturen geschaffen, ihnen einen hölzernen, und doch lebendigen, originellen Ausdruck verliehen – einfach faszinierend. Ich unterhalte mich mit Peter, einem Mittsechziger aus Ostberlin. Er erkennt sich in einer der Kunstwerke wieder. Er erzählt mir von dem sehnlichen Wunsch, dass die beiden Teile Berlins endlich zusammenwachsen und eröffnet mir, dass er nur selten in den Westteil der Stadt reist. Die Drogenkriminalität und das kommerzielle Treiben lassen ihn zögern. Er bedauert, dass die alten Bauten aus der Gründerzeit von den reichen Westlern aufgekauft, teilweise abgerissen und durch Glasbauten ersetzt werden. Eine Schande ist das. Ostberlin wird renoviert und verliert dabei sein Gesicht - allmählich und schleichend. Wo sind die Originale, fragt er mit einem melancholischen Ton und schelmischem Blick, wo die lebendigen Kleinkünstler, die morgens um vier mit den zwitschernden Vögeln ihren Tag beginnen die sich einfach ans Klavier setzen, ihre Klarinette hervorholen und anfangen zu komponieren.
Berlin ist brav geworden, zu brav, stellt er bedauernd fest. Ich bin neugierig und frage ihn, ob er lieber ein rebellisches Berlin hätte. Ja, sagt, er – ein bisschen Rebellion, mehr Originale, das vermisst er schon. Die richtigen Typen sind weg, weil sie die steigenden Mieten nicht mehr zahlen können. Die Republik wird geprägt von hörigen Mitläufern. Das Kapital erstickt das eigentliche Leben. Während er erzählt, merke ich, wie ich ihm innerlich zunicke.

Ich sitze im Flugzeug. Rückflug nach Köln. Bald wird mich die provinzielle Beschaulichkeit des Westerwalds wieder eingeholt haben. Urbanes Treiben hier, provinzielle Beschaulichkeit dort.
Berlin ist eine eindrückliche Stadt. Bedrückend aber auch die Frage, wie hier missionarisch gearbeitet werden soll. Die klassischen Methoden der eventorientierten Evangelisation verschwinden im Nebel der Gedanken. Eigentlich unbrauchbar. Innovation. Beziehungsorientierung. Nachhaltigkeit – das ist gefragt. Keine Aktionen, sondern Begegnung in den Straßen. Keine Erfolgsmeldungen, sondern sich vertiefende Kontakte – mitten im Leben, in den Straßen, unter den Bäumen und in den Galerien.

Aus dem Boot gestiegen - Neues im Glauben wagen

Einer hat es ganz offen gesagt:
Ich will heraus, ich will ins Leben.
Einer hat sich herausgewagt,
ausgestiegen – einfach so – aus dem Boot.
Sicherheit hat er verlassen,
sich auf Unbekanntes eingelassen.

Gewagt hat er den ersten Schritt,
den Fuß gesetzt auf fremdes Element,
ganz ungehemmt, ganz im Vertrauen.

Die Angst vor dem Ungewissen überwinden,
Glauben lernen, Glauben finden.
Bist du es Herr? Sag nur ein Wort.

Ich frage, ich wage.
Ich steige aus und bei dir ein.

Der erste Schritt, das Wasser trägt.
Mutig überwindet er die Planken,
furchtsam gerät er bald ins Wanken.
Angst kommt auf und Wellen,
aufgepeitscht von Winden
alles zu spät: ich beginne zu sinken.

Zweifel haben ihn gepackt,
doch auch die starke Hand des Herrn.
Sie war da, kraftvoll und nah
im Untergang, im Kampf,
im kleinen Glauben.

Wer nicht vertraut, ganz wie ein Kind,
wer nicht wagt, der nicht gewinnt.
Einer hat die Lektion erfasst
die sitzen blieben haben sie verpasst.

Geh hinaus
aus dem Boot, hinein ins Leben.
Verlagere mutig dein Gewicht,
geh hinaus, schau in Gottes Gesicht,
mitten in Turbulenzen, mitten in der Gicht.

Sich trauen zu vertrauen,
und fest auf Jesus schauen,
das ist es, was zählt,
denn du hast das Wagnis zu leben gewählt.